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Fortbildung
Jürgen Wolff, TANDEM Fundazioa, Donostia/San
Sebastián
Wie können wir eine Kultur der
Mehrsprachigkeit entwickeln ?
(veröffentlicht in: Babylonia-Tandem
> language paradiese ? Praxishandbuch zur rezeptiven
Mehrsprachigkeit, 2001, und
Handbuch der Europäischen Jugendakademie, hg.
von Alpen-Adria-Alternativ)
3.2.1.0.1D Eine Kostprobe
„Inspector Cabillot ist el echte europaico
fonkzionario wie lutte contra der ingiusticie y der mal, por der
ideal van una Europa unita y democratica in eine world de pax where
se sprache eine sola lingua, der Europanto.
Erat una fria morning de Octubre und eine low fog
noyabat las benches des park. Algunos laborantes maghrebinos
collectabant der litter singing melancolic tunes. ..."
3.2.1.1.1.D Worum geht es uns ?
Mit Überraschung wird der/die LeserIn
festgestellt haben, dass er/sie das Zitat am Anfang verstanden hat,
obwohl es in einer nicht existierenden Sprache geschrieben ist.
Diego Marani, Übersetzer beim Generalsekretariat des Ministerrats
der EU in Brüssel hat in ‘Cabillot und el mysterio des exotisches
pralines’ eine Mischsprache aus europäischen Sprachen und
Phantasiewörtern geschaffen. Die angenehme Erfahrung, auch Sprachen
zu verstehen, die mensch nicht von Grund auf gelernt hat, ist die
Voraussetzung für unsere Arbeit.
In vielen multinationalen Austauschprogrammen
wird gleichberechtigte Verständigung angestrebt. Das sollte sich
auch in den verwendeten Sprachen niederschlagen, da Sprache immer
gleichzeitig Kultur transportiert. Der Einsatz von 'lingua francas'
ist arbeitsökonomisch sinnvoll, führt aber zu einem Verlust an
Austauschmöglichkeiten.
Schon immer werden bei solchen Projekten, wie
auch der J@k, Versuche in Richtung Mehrsprachigkeit unternommen, so
gab es z.B. Teile in verschiedenen anderen Sprachen in der
Lagerzeitung sowie Wörterbuch-AGs, auf der 3. J@K wurde ein
sechssprachiger 'Europäischer Sprachführer des Friedens'
geschaffen.
Solche Tendenzen sollten aufgegriffen und verstärkt
werden. Es geht also nicht nur darum, vielsprachige Willkommensgrüsse
zu entbieten, sondern um bewusste und erlebte Mehrsprachigkeit.
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3.2.1.1.2.D Wie stellen wir uns
das vor ?
Wenn wir unter Mehrsprachigkeit den Einsatz von
drei oder mehr Sprachen verstehen, gibt es drei Lösungsansätze:
a) viele Sprachen sprechen lernen: das ist der
naheliegendste Ansatz, der aber bei der Vielfalt in Projekten, wo
Angehörige vieler Sprachgruppen ein oder zwei Wochen lang
zusammentreffen, illusorisch ist, und auch bei einigen Sprachen an
mangelnder Motivation scheitern wird
b) viele Sprachen verstehen lernen: der Ansatz
erscheint sinnvoller, ist aber noch sehr ungewohnt und muss
trainiert werden
c) sich ohne Sprachen verständigen: das findet
schon in vielen praktischen Workshops ‘instinktiv’ statt und lässt
sich systematisieren und ausdehnen.
Je nach TeilnehmerInnen und Zielen ist eine
Kombination der Ansätze sinnvoll.
3.2.1.2.1D Welche Methoden stehen
zur Verfügung ?
Wenn wir ein Curriculum oder einen
organisatorischen Ablauf planen wollen, bei dem die Mehrsprachigkeit
entwickelt werden soll, müssen wir beachten, dass sich gezeigt hat,
dass jede Person, die eine andere kennenlernt, mit einer Sprache
'markiert' wird, die die zukünftige Sprache zwischen diesen
Personen wird. Deshalb wird beim binationalen Tandem-Austausch von
Anfang an die Sprachtrennung und -teilung so hervorgehoben, und
genauso müssen wir in solchen Programmen mitbedenken, welchen Raum
welche Sprache einnehmen kann.
Diese Planung muss auf allen Ebenen stattfinden,
d.h. Organisationsteam, LehrerInnen, WorkshopmoderatorInnen, SchülerInnen,
und das Ziel muss allen Beteiligten bewusst sein, da sich sonst die
Gewohnheitstendenz zur 'lingua franca' oder zum traditionellen
Sprachenlernen durchsetzt. Am besten ist es, wenn sich eine Person
als ‘Sprachgewissen’ auf den Aspekt spezialisiert und von der
ersten Programmplanung bis zur letzten Auswertung dabei ist.
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Entsprechend den obengenannten Zielen und Ansätzen,
hat das Programm drei Hauptbestandteile:
a) Entwicklung von Optimismus bezüglich der
Lern- und Verstehensfähigkeiten; Techniken der nonverbalen Verständigung;
Kommunikation mit minimalen Hilfsmitteln und Erleichterung des
Verstehens durch geeignete mündliche und schriftliche Präsentationstechniken
b) Entwicklung der passiven Mehrsprachigkeit,
ausgehend von Internationalismen, Logik und Vorwissen; aus
psychologischen Gründen zunächst Lese-, dann Hörverstehen;
Anweisungen zum verständniserleichternden Sprechen
c) Tandem(Sprachlernen im Austausch)
einschliesslich Sprachlerntechniken für das Lernen der real
nachgefragten Sprachen in den Bereichen Hören, Sprechen, Lesen,
Schreiben und Übersetzen. Zwar ist Tandem eine Lernform für zwei
PartnerInnen, aber es spricht bei geschickter Organisation nichts
dagegen, dass in einer multinationalen Gruppe einige Paare Deutsch
und Italienisch austauschen, ein paar andere Niederländisch und
Portugiesisch, und wiederum andere Bulgarisch und Serbokroatisch.
Diese Bestandteile bilden die Grundlage für ein
in das gesamte Begegnungsprogramm eingewebtes Training. Sie
erscheinen jeweils zunächst als Selbsterfahrung und dann als
Bewusstmachung. Darauf folgt eine praktische Anwendungsphase im alltäglichen
Ablauf, und schliesslich eine Auswertung und Orientierung für die
Zukunft. Ein Teil davon geht schriftlich, andere müssen von
Angesicht zu Angesicht durchgeführt werden.
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3.2.1.2.2.D Welche einzelnen
Massnahmen sind sinnvoll ?
Sprachkürzel unter E-Mails
damit jeder weiss, in welchen Sprachen er an wen
schreiben kann. Das muss in die E-Mail-Signatur der Beteiligten
eingebaut werden, sonst wird es zu aufwendig und wird nicht
durchgehalten.
Notizblöckchen
das die TeilnehmerInnen immer in der Hosentasche
haben, erleichtert das Schreiben und das Zeichnen zur Unterstützung
bei Hörverstehensproblemen.
Namensschilder >4.2.1.2
mit einer Markierung von
Muttersprache (z.B. einkreisen)
gut gesprochenen Sprachen
Sprachen, die verstanden aber nicht
gesprochen werden (z.B. einklammern)
Die Sprachen werden alfabetisch aufgelistet, die
Liste muss an vielen Stellen aufgehängt werden, z.B.
D Deutsch
E English
F Français
L Latviesu
M Magyar
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Implikation der WorkshopleiterInnen
>4.2.15.6
das Bewusstsein über die Bedeutung der Sprachen
im Workshop ist nicht überall vorhanden und mit einem Papier allein
auch nicht zu wecken, das ‘Sprachgewissen’ sollte bei der
Vorbereitung der WS-LeiterInnen dabeisein.
Sprachführer >4.2.11.3
werden nur eingesetzt, wenn sie im richtigen
Moment kommen. Eine Verteilung langfristig vorher hat wenig Erfolg,
manchmal entwickeln die TN sogar einen neuen Sprachführer. Für die
J@k wurden als ‘Verständigungsgerüst’ zwei Blätter/Listen
zusammengestellt, die die TN immer bei sich führen konnten, nämlich
'38 Wörter' >4.2.11.2
deren Verteilung allein wenig bringt, weil es
Strukturen ohne Wortschatz sind. Der Einsatz mit Erklärung in
Verbindung mit den 'Überlebenswörtern' ist dagegen sinnvoll.
'Überlebenswörter' >4.2.11.4
sind auch als Tandemaufgabe geeignet, allerdings
ist die Liste sehr lang für einen Workshop.
Tandem-Tipps >4.2.12.3
als Zusatzmaterial für einige und zur Verteilung
in den Tandemworkshops sind sehr hilfreich;
Tandem-Workshops >4.2.12.3
erreichen bei Ankündigung mit praktischem Titel
einen hohen Prozentsatz der TN und erleichtern die Kommunikation während
der Begegnung, oft wecken sie auch Lust, eine neue Fremdsprache zu
lernen.
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Miss Polyglott-Ausstellung >5.2.2.
Zur Verdeutlichung der Idee kann ein Wettbewerb
zur Schaffung einer Symbolfigur ausgeschrieben werden, sicher
interessiert das nicht alle TN, aber einige gute Arbeiten werden
entstehen und können während der Begegnung ausgestellt werden, auf
die Webseite und in die Veröffentlichungen genommen werden u.ä.
Polyglott-Show >5.2.2
Um ‘Freude an der Mehrsprachigkeit’ zu
erzeugen, können beispielsweise der Morgengruss und die ersten
Tagesinformationen jeweils in mehreren Sprachen vorgespielt werden.
Anzeige für die Bevölkerung >4.2.16.2
Zur Ausnutzung des Kommunikations- und
Lernpotentials, das bei Kontakten zwischen angereisten TN und
lokaler Bevölkerung entsteht, ist eine Anzeige mit Tipps zum
verstehenserleichternden Sprachverhalten in den Lokalzeitungen
sinnvoll.
Sitzschilder beim Essen
Auch und gerade in informellen Situationen, z.B.
beim Essen, steckt ein hohes Kommunikationspotential. Mensch kann
versuchen, das auszunutzen, indem im Essensraum Schilder mit den
Sprachnamen angebracht werden. JedeR setzt sich zu dem Schild der
Sprache, die er beim Essen sprechen will. Allerdings ist dieses
Verfahren noch nicht ausgereift und oft herrscht die natürliche
Tendenz vor, bei den FreundInnen zu sitzen, unabhängig von
Sprachlerninteressen.
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TeilnehmerInnenzitat:
"Es ist auch sehr wichtig (für mich), dass ich so viele
andere Sprachen gehört habe. Jetzt glaube ich, dass ich mich in
jedem Land verständigen kann. Und es ist ein tolles Gefühl !"
Diskussion mit Jürgen Wolff, Tandem Fundazioa:
am Samstag, den 15.9. von 10 bis 12 h (Mitteleurop. Zeit), in
"Multiling"
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Tandem-Materialien-Katalog
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