Fortbildung

Susanna Gratzl-Ploteny, Internationales Zentrum für Kulturen und Sprachen, Wien:

Das Interkultur-TANDEM® im Lehrgang 'Polizeiliches Handeln in einer multikulturellen Gesellschaft'

 

Menschenrechte und polizeiliches Handeln

In Gesellschaften mit wachsender kultureller Vielfalt ist es wichtig, eigene Traditionen und Wertvorstellungen zu hinterfragen, zu lernen konstruktiv mit Konflikten umzugehen und Erfahrungen mit "Fremdheit" zu sammeln.

Der Polizei als Trägerin von großer Verantwortung und Macht kommt diesbezüglich eine besonders wichtige Rolle zu.

Das Internationale Zentrum für Kulturen und Sprachen in Wien führt seit fünf Jahren im Rahmen des Offenen Kollegs - Arbeiten und Leben Interkulturell Seminare, Vorträge und Workshops zu den Themenbereichen Interkulturalität und Kommunikation durch.

Im Laufe der Zeit gelang es zunehmend, Angehörige der Exekutive für das Programm des Offenen Kollegs zu interessieren.

So wurden zunächst einzelne Seminare mit dem Titel Menschenrechte und polizeiliches Handeln ausschließlich für PolizeibeamtInnen angeboten. Das Interesse war bundesweit sehr groß.

Die Referenten gingen davon aus, dass Menschenrechtsausbildung im Rahmen der Weiterbildung für ExekutivbeamtInnen nicht auf eine rein legistische Betrachtungsweise und auf Faktenwissen reduziert werden, sondern vielmehr auf Bewusstseinsbildung abzielen sollte.

Die Polizei, die oft beschuldigt wird, Menschenrechte zu verletzen, sollte sich vielmehr als "Hüterin" derselben verstehen.

 

Der Lehrgang 'Polizeiliches Handeln in einer multikulturellen
Gesellschaft'

 

Ausgehend vom äußerst positiven Echo der oben erwähnten Seminare und der Überzeugung, daß Bewusstseinsbildung als Prozeß nur über einen längeren Zeitraum hinweg stattfinden kann, wurde der Lehrgang 'Polizeiliches Handeln in einer multikulturellen Gesellschaft' konzipiert.

Die Finanzierung erfolgt durch das Bundesministerium für Inneres/ Sicherheitsakademie, die Räumlichkeiten stellt die Volkshochschule Favoriten in Wien zur Verfügung.

Die BeamtInnen werden während der Dauer der einzelnen Seminare dienstfrei gestellt, die Teilnahme am Lehrgang ist für sie kostenlos.

 

Ziele

 

Analyse und Reflexion der persönlichen Herausforderungen und Belastungen im polizeilichen Alltag

Reflexion des eigenen Kommunikationsverhaltens und der eigenen Kultur unter besonderer Berücksichtigung der polizeilichen Arbeit

Auseinandersetzung mit anderen Kulturen und Sensibilisierung für unterschiedliche Kommunikationsformen im interkulturellen Kontext und im Kontakt zwischen Polizei und Bevölkerung

Erwerb von Wissen über politische, soziale, historische und ökonomische Hintergründe für Migration

Vermittlung und Diskussion der grundsätzlichen Ideen und Entwicklungslinien von Menschenrechten

Bewußtmachung von Mechanismen der Diskriminierung und von Vorurteilen

Vermittlung von Wissen und Fakten, die Situation von Migrantinnen und Migranten in Österreich betreffend

Erarbeitung von neuen, praxisorientierten Ansätzen und Handlungsalternativen für Exekutivbeamte und -beamtinnen

Persönliche Kontaktnahme mit Migranten und Migrantinnen

 

Aufbau und Dauer

 

Der Lehrgang besteht aus einem Einführungsseminar zu 8 Unterrichtseinheiten und 6 Seminaren zu je 16 Unterrichtseinheiten, insgesamt 104 Unterrichtseinheiten in 2 Semestern.

 

Die TrainerInnen und ReferentInnen

 

Die Vortragenden (zum Teil Personen mit Migrationserfahrung) kommen aus den Bereichen Universität, Erwachsenenbildung und NGOs (z.B. Amnesty International, Caritas, asylkoordination österreich) , sowie aus dem Bundesministerium für Inneres.

Wichtig sind nicht nur ihre fachliche Kompetenz, sondern auch ihr Wissen um polizeispezifische Problemfelder.

Während des Lehrgangs sind die ReferentInnen ständig in Kontakt, um dessen Verlauf gemeinsam beobachten und besprechen zu können.

Wichtig ist bei den einzelnen Seminaren die Kombination der TrainerInnen (z.B. ein Menschenrechtsexperte, eine Beamtin aus dem Innenministerium und ein Polizeibeamter aus der Praxis). So kann die Thematik differenziert, sozusagen "von außen und innen" betrachtet werden.

 

Die TeilnehmerInnen

 

Derzeit nehmen 14 leitende BeamtInnen (mit MultiplikatorInnenfunktion) aus den verschiedensten Bereichen der Wiener Polizei am Lehrgang teil: Fremdenpolizei, Kriminalpolizei, Jugendpolizei und Sicherheitswache (auch aus der Schulungsabteilung).

Mit Hilfe eines Fragebogens und einem eintägigen Einführungsseminar aller am Lehrgang beteiligten Personen war es möglich, einander kennenzulernen und die Erwartungen abzuklären:

Mehrmals formuliert wurde der Wunsch, "die MigrantInnen", ihre "Sicht", ihren "kulturellen Hintergrund", vor allem "Schwarzafrikaner" besser verstehen zu lernen und "praxisnahe Lösungsansätze" zu erarbeiten.

Weiters sollte Verständnis für die Situation der oftmals "überforderten" Polizei bei den ReferentInnen, bzw. den beteiligten NGOs geweckt werden.

Es stellte sich also zu Beginn des Lehrgangs gleich die Frage, wie mit diesem Bedürfnis nach "einfachen Rezepten" im Umgang mit Menschen aus anderen "Kulturen" und dem Wunsch nach leicht und schnell umsetzbaren Lösungsvorschlägen für die polizeiliche Arbeit im Zusammenhang mit MigrantInnen umzugehen sei.

 

Methoden

 

Eine wichtige Rolle spielt die Art der Vermittlung (Methoden, didaktische Umsetzung) des Inhalts, mit dem Ziel, auf die Bedürfnisse der TeilnehmerInnen so weit wie möglich einzugehen und einen Ausgleich zwischen Informationsvermittlung und Sensibilisierung zu schaffen.

So kommen verschiedenste Methoden zum Einsatz:

Referate, Diskussionen und Gruppenarbeit ebenso wie Fallstudien, Rollenspiele und Arbeit mit Videos und Tonträgern.

 

Die Seminare

 

Im Laufe der zwei Semester werden folgende Seminare durchgeführt:

 

- Polizeilicher Alltag

- Interkulturelle Kommunikation

- Migration und Verschiedenheit

- Menschenrechte und Institutionskultur

- ein Workshop zu einem von den TeilnehmerInnen gewünschten Thema

(diesmal: "Konstruktiver Umgang mit Konflikten")

- Interkultur-TANDEM®

 

 

Interkultur - TANDEM®

 

Ein ganz entscheidender Teil des Polizei-Lehrgangs (das "Internationale Zentrum für Kulturen und Sprachen" ist seit 1999 Mitglied des TANDEM®-Netzwerks) ist das Interkultur-TANDEM®, die Möglichkeit, mit nach Österreich zugewanderten Menschen in persönlichen Kontakt zu treten.

Durch diese Form des Lernens und Erfahrungsaustausches zeichnet sich der Lehrgang ganz besonders aus.

Vorgesehen sind im Zeitraum von acht Monaten insgesamt vier TANDEM-Treffen in der Gruppe (dzt. 28 Personen) zu je vier Stunden und dazwischen jeweils (mindestens) zwei individuell vereinbarte Treffen an einem möglichst neutralen Ort.

14 TANDEM-PartnerInnen (6 Frauen, 8 Männer) sind am Projekt beteiligt. Sie kommen aus dem Sudan, Kongo, Kamerun, Guadeloupe, Ägypten, Bosnien, Rumänien, Polen, dem Iran, Chile und der Türkei.

Sie waren/sind in verschiedenen Bereichen (z.T. nur in den Herkunftsländern tätig): Architektur, Informatik, Politik, Medizin, Exekutive, u.a., einige studieren in Österreich.

Sie verfügen über sehr gute Deutschkenntnisse sowie eine stabile aufenthaltsrechtliche Situation in Österreich.

Für die Teilnahme wird an die TANDEM-PartnerInnen eine "Aufwandsentschädigung" ausbezahlt.

Es gibt eine Vorbesprechung vor Beginn des TANDEMs und das Angebot einer Supervisionssitzung nach dem Lehrgang.

Für die Konzeption, die Organisation, zum Teil für die Durchführung, die Evaluation und Dokumentation des TANDEMs sind wir zu zweit (Maria Hirtenlehner und Susanna Gratzl-Ploteny) verantwortlich.

Die Treffen werden von 2 zusätzlichen Personen (eine weiblich, mit Migrationserfahrung, eine männlich aus Österreich) mitkonzipiert und moderiert.

Die TANDEM-Treffen finden in den sehr hellen, schönen Räumen der Volkshochschule Favoriten in Wien statt.

 

Inhalte

 

1. Gruppentreffen

 

Nach einer Einführung in TANDEM (Geschichte, Grundprinzipien und Durchführung) geht es um das Kennenlernen aller Beteiligten (z.B. Aktivität "Namensbedeutung"), um die Reflexion von Eigenem (z.B. "Wenn ich mich mit vier Worten beschreiben müßte, würde ich sagen, ich bin ...") und um die Zugehörigkeit zu verschiedenen Gruppen (z.B. "Alle, die sich als "offen" bezeichnen sollen aufstehen ...").

Gemeinsam werden Regeln für die zukünftigen Treffen festgelegt (z.B. Respekt, Sensibilität, Ehrlichkeit ...). Wird eine der Regeln verletzt, darf/soll "Autsch" gesagt werden.

Jede Person "erhält " (es wird gelost) ihre/n TANDEM-PartnerIn.

 

2. Gruppentreffen

 

Es werden Faktoren, die in der interkulturellen Kommunikation eine Rolle spielen (z.B. unterschiedliche Begrüßungsformen) in spielerischer Form thematisiert.

Werte und der Wandel von Werten innerhalb von Gesellschaften werden anhand von Sprichwörtern ebenso reflektiert wie Definitionen von Begriffen wie "Rassismus", "Sexismus", "Vorurteil" u.a.

 

3. Gruppentreffen

 

Es geht um Wahrnehmung (Bilder, die unterschiedlich interpretiert werden können), um Vorurteile (solche, unter denen man selbst gelitten und solche, denen entsprechend man gehandelt hat) und um die Bedeutung von Zuhören in einer gelungenen Kommunikation.

 

4. Gruppentreffen

 

Erfahrungsaustausch und Feedback

 

Evaluation

 

Am Ende jedes Treffens gibt es eine "Feedbackrunde", beim zweiten und dritten werden die TeilnehmerInnen gebeten, "Reflexionsbögen" mit Fragen zu Häufigkeit, Ort, Gesprächsthemen, evtl. Schwierigkeiten bei der Kommunikation sowie "Lernertrag" der Treffen zu zweit, auszufüllen.

Es wird auch eine schriftliche Evaluation des gesamten Lehrgangs durchgeführt.

Nach anfänglicher Skepsis wurden die Gruppentreffen sehr positiv bewertet: die angenehme Atmosphäre, die Zusammensetzung der Gruppe, die Aktivitäten, die neu und lehrreich gewesen seien, der Meinungsaustausch, der Spaß an der Sache und die "spürbare Nähe" zwischen den Teilnehmenden.

Das Angebot der individuell organisierten Treffen wird von den meisten PolizistInnen gerne angenommen:

Das TANDEM sei aufschlussreich in Hinblick auf :

- die Person des Partners/der Partnerin, ihr/sein Lebensumfeld hier in Österreich (z.B. Familie, Freundeskreis etc.)

- die Herkunft des Partners/der Partnerin (wobei auch die Herkunft der Polizisten aus unterschiedlichen Gegenden Österreichs thematisiert wurde).

- die Arbeit und Aufgaben der Polizei, in welche die TANDEM-PartnerInnen Einblick gewinnen konnten

- Abbau von Vorurteilen

- Meinungs- und Informationsaustausch

 

Nicht zustandegekommene oder abgebrochene TANDEMs sind einerseits auf Zeitmangel (speziell der BeamtInnen) oder auf plötzlich veränderte Lebens- bzw. Arbeitsumstände (auf beiden Seiten) zurückzuführen.

Es mögen aber auch Faktoren wie Scheu oder Unsicherheit (vor allem der PolizistInnen), sich (allein) einer ungewohnten Situation auszusetzen, "Fremdheit" zu erfahren, eine Rolle gespielt haben. So entstand auch die Idee von einigen TeilnehmerInnen, ein TANDEM zu viert zu probieren.

Die gemeinsamen Aktivitäten der TANDEM-Paare reichten vom Sushi-Essen, über Schachspielen (Fremdenpolizist mit seiner afrikanischen Partnerin) bis hin zum gemeinsamen Besuch eines Fußballmatchs.

Die Treffen fanden in Kaffeehäusern ebenso wie im privaten Bereich oder sogar (trotz unserer Empfehlungen, einen neutralen Ort zu wählen) in Polizei-Wachzimmern statt (was vom betreffenden TANDEM-Partner aber als "interessant" beurteilt wurde).

Im Anschluss an das letzte TANDEM-Treffen gibt es - um das Geschehene abzurunden, ein Abschlussfest aller am Lehrgang beteiligten Personen mit Buffet und Musik.

Die Minderheitenredaktion des Österreichischen Rundfunks ist gerade dabei, einen Beitrag zum TANDEM zu gestalten.

Insgesamt haben wir, die Organisatorinnen und Durchführenden des Lehrgangs den Eindruck einer Gruppe, die sich gut zusammen gefügt hat und die bereit ist, mit großer Offenheit und Sensibilität konstruktiv zu arbeiten.

Die Idee eines baldigen "Follow-up"-Treffens für die Lehrgangsgruppe kam von Seiten der Polizei.

Einer der TANDEM-PartnerInnen formulierte: "Dadurch sind wir zueinander ein Stück näher gekommen, wir haben aber noch viel zu tun ..."

Auch wir sind dieser Meinung und möchten den nächsten Lehrgang ab Herbst 2001 durchführen.

 

 

Informationen:

Mag. Susanna Gratzl-Ploteny, Mag. Maria Hirtenlehner

Internationales Zentrum für Kulturen und Sprachen
Siccardsburggasse 59/I
A-1100 Wien

Tel: +43/1/600 56 70
Fax: +43/1/600 56 63
e-mail: izks@atnet.at


Mehr Information zum Interkultur-Tandem allgemein :

www.tandemcity.info/formacion/de33_interkultur.htm

[Anfang]

Tandem-Materialien-Katalog

Start