Fortbildung

Thomas Hochleitner, FMF Bayern

Deutsch-tschechische Austauschprojekte


Abschlussbericht der
Euregio - Projektwoche Waldmünchen

1.Allgemein

Grundgedanke dieser Projekttage ist, die Grundsätze der Völkerverständigung und des Umweltschutzes in einer Gruppe von deutschen und tschechischen Schülern vertieft zu vermitteln und dabei die Schüler an neue Lern- und Arbeitsformen heranzuführen, sowie ihnen Schlüsselqualifikationen zu vermitteln. Im Rahmen des Modellprojektes Tschechisch werden Schüler aus dem BGJ Holz und aus der Partnerschule in Schüttenhofen ausgewählt.

2. Umweltschutz

Während der Projekttage wird im Bereich Umwelterziehung besonders auf die Einheit von Handeln und Denken wert gelegt. Der praktische Lernstoff (z.B. Lehrwanderung mit Förster) wird in selbständiger Arbeit von den Schülern (Arbeitsaufträge) festgehalten und dann in den fachtheoretischen Fächern wissenschaftlich untermauert, um dann in der Praxis angewandt zu werden. Basiserlebnisse im Bereich der Umwelterfahrung (Naturerlebnisspiele) sollen eine nachhaltige Offenheit zu umweltrelevanten Themen herstellen.

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3. Völkerverständigung

Völkerverständigung bleibt nur eine leere Worthülse, wenn sie nicht mit direkten und persönlichen Erlebnissen erfüllt wird. Gerade ein längerfristiges Zusammenarbeiten auf einer “neutralen Ebene” ermöglicht die Aufnahme von Kontakten und den Abbau von Vorurteilen. Deshalb wird auch in den sportlichen Aktivitäten wert auf ein “Miteinander” gelegt. Es sollen keine deutschen und tschechischen Gruppen gebildet werden, sondern eine Mischung, um den Konkurrenzgedanken abzubauen. Das Miteinander wird auch durch die ganze Veranstaltung gezogen, so dass auch tschechische Schüler ihre Kompetenz zeigen können (z.B. Erstellung eines Fachwörterbuches, “Fremdenführer” in Prag, Dolmetscher).

4. Wirtschaftliche Schlüsselqualifikationen

Kommunikationsfähigkeit, Innovationsfreudigkeit, Auslandserfahrung und Toleranz sind wichtige Schlüsselqualifikationen, um erfolgreich auf einem Markt bestehen zu können. Den Anforderungen einer neuen Konkurrenzsituation gerecht zu werden, wie sie durch die Öffnung der deutsch-tschechischen Grenzen und ungleich stärker mit einem zukünftigen Beitritt zur EU entsteht, müssen neue Fähigkeiten unserer Firmen entgegengestellt werden. Nur so kann ein gerechter Austausch von Beziehungen aufrechterhalten werden. Das Kennenlernen eines neuen Marktes mit Hilfe von Einheimischen und das Erlernen der Grundsätze der Nachbarsprache gehören sicherlich zu diesen neuen Schlüsselqualifikationen.

5. Durchführung

In diesen Projekttagen wird der fächerverbindende Unterricht verstärkt angewendet, als eine bewusste Vorstufe zu handlungsorientierten Sequenzen. Die Schüler und auch die Lehrer müssen sich mit ungewohnten Unterrichtsorten und Methoden auseinander setzen und die Erfahrungen teilen. Handlungs- und Beobachtungsaufträge sollen eine selbständigere Arbeitsweise fördern. Eine gleichwertige Zusammenarbeit mit tschechischen Schülern soll ermöglicht werden. Da hier auch der EUREGIO-Grundgedanke in verstärktem Maße verwirklicht wird, soll die Finanzierung zu einem erheblichen Teil von der EUREGIO gesichert werden.

6. Teilnehmer

45 Schüler und 6 Lehrkräfte, je zur Hälfte aus Deutschland und aus Tschechien

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Beispiele guter Praxis im Grenzgebiet Bayern - Tschechische Republik

Hier: Schulpartnerschaft Berufsschulen Waldkirchen und Susice


1. Skizze der exogenen Begleitfaktoren:

1.1 Region

Beide Berufsschulen befinden sich in der Grenzregion Bayerischer Wald / Böhmerwald.

Diese Grenzregion ist von einer ländlichen Struktur geprägt, die mehr Anteile an Tourismus (Nationalpark) als an Industrie aufweist.

Seit 1991 steigt sowohl der Import, als auch der Export in die Tschechische Republik stetig. Im Zeitraum Januar 1997 bis November beim Import um 14,5 % und beim Export um 17% im Vergleich zum Vorjahr.

Es besteht zwar immer noch ein Außenhandelsüberschuss, der jedoch seit 1994 stetig sinkt. Die Importe aus der Tschechischen Republik betrugen im Zeitraum Januar bis November 1997 4,136 Milliarden DM, die Exporte 3,270 Milliarden DM. Damit ist die Tschechische Republik für Bayern das achtwichtigste Einfuhrland und das elftwichtigste Exportland noch vor Schweden oder der Türkei (Quelle: Bayer. Landesamt für Statistik und Datenverarbeitung März 1998)

Die Kontakte von niederbayerischen Unternehmen mit der Tschechischen Republik stieg von 50 ( vor der Grenzöffnung) auf jetzt 750 registrierte Betriebe (Quelle: IHK Passau, 1. Unternehmergespräch des Wirtschaftsforums Passau e.V. in der ZF Passau).

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1.2 Vorhandene Kontakte

In der Region gibt es eine Reihe von Schulpartnerschaften, die vor allem im Volksschul- und Gymnasialbereich angesiedelt sind.

An einigen Grundschulen wird Tschechisch als Wahlfach angeboten. Mit mehreren Gymnasien werden auch einzelne Schüleraustausche betrieben.

Beispiele für Projekte sind der Eurozug, der Realschule Ortenburg; "VÜG-Vertrauen überwindet Grenzen" der Grund- und Teilhauptschule Nürnberg und "Das Eigene im Fremden erkennen", Projekt der Euregio Egrensis mit der Volksschule Vilseck (weitere Informationen beim BJR, Homepage www.bjr.de)

Hervorzuheben ist hier das Euregio-Gastschuljahr des Gymnasiums Leopoldinum in Passau.

Im Berufsschulbereich sind diese Aktivitäten geringer. Hier sind die Berufsschulen Regen mit Praktikastellen für Auszubildende aus den östlichen Nachbarstaaten und besonders die Berufsschule Waldkirchen zu nennen, deren intensive Schulpartnerschaft in Punkt zwei dargestellt wird.

Unterstützt werden diese Aktivitäten durch die Euregios entlang der tschechischen Grenze, dem Bayerischen Jugendring, dem deutsch-tschechischen Koordinationszentrum Tandem (Homepage www.tandem-org.de), die EU-Programme Leonardo, Sokrates und Comenius, sowie vielen weiteren staatlichen und privaten Organisationen.

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2. Darstellung der Partnerschaft zwischen den Berufsschulen Waldkirchen und Susice

2.1 Partner

Die Berufsschule Waldkirchen liegt etwa 50 km von der Landesgrenze entfernt am Rande des Bayerischen Waldes.

Die in diesem Projekt betroffenen Schüler kommen aus der direkten Grenzregion. Mit etwas über 2000 Schülern ist sie erheblich größer als die Partnerschule in SuÓice. Besonders konzentriert wurde der Kontakt bei Schreinern und Zimmerern, da diese Ausbildungsrichtung in beiden Schulen vorhanden ist. Neben Englisch und Französisch wird hier, als in Bayern einmaliges Pilotprojekt, Tschechisch als Pflichtfach unterrichtet.

Die Berufsschule in Susice liegt im Kreis Klattau, etwa 60 km von der Grenze entfernt im Bereich des Böhmerwaldes.

Die Arbeitslosigkeit in diesem Landesteil ist im Gesamtvergleich hoch und das Gebiet zeigt besonders im industriellen Bereich Strukturschwächen. Wie in vielen Schulen in der Grenzregion ist auch hier Deutsch Pflichtfach.

Die finanzielle Ausstattung der Schule ist geringer als die der Partnerschule, so dass hier auch Sponsoren und die Produktion durch Schüler als Finanzierungsfaktor eine Rolle spielen.

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2.2 Ziele

Die Ziele, die mit diesem Projekt verfolgt werden, lassen sich in drei Säulen darstellen:

1.Vermittlung von grundlegenden Kenntnissen der Fremdsprache

Hier werden konkrete Gesprächssituationen eingeübt, die fachlichen Bezug haben.

2.Vermittlung von Gesellschafts- und Wirtschaftsdaten

Durch Kenntnisse der wirklichen Entwicklung der tschechischen Wirtschaft und der Gesellschaft auf neutraler Basis können Vorurteile, die auf beiden Seiten bestehen, abgebaut werden.

3.Persönlicher Kontakt durch Besuche in Tschechien

In der Begegnung der Jugendlichen wird die Bereitschaft zu Toleranz eingeübt und die Völkerverständigung an der Basis gefestigt. Viele vorhandene Vorurteile, die ohne Korrektur immer mehr verhärten, können durch intensiven Kontakt langsam aufgeweicht werden.

4.Grenzüberschreitende Problemlösungen

Mit Hilfe des Umweltschutzes werden die Jugendlichen motiviert, die Möglichkeiten und Bedeutungen von grenzüberschreitenden Aktionen zu erforschen und zu bejahen.

5.Wirtschaftliche Kompetenz

Durch das Kennenlernen der Wirtschaftsstruktur und der Behörden des Nachbarlandes ist eine Voraussetzung geschaffen, dass die zukünftigen Handwerker und Selbständigen die Scheu vor der Erschließung des Marktes verlieren.

In der zweiten Stufe werden ausgewählte Jugendliche aus beiden Schulen während einer Projektwoche besonders gefördert.

Die Jugendlichen machen Erfahrungen mit neuen Lerntechniken, der Arbeit in binationalen Gruppen und werden für den nachhaltigen Umgang mit der Natur sensibilisiert. Durch Einblicke in die Wirtschaft und Verwaltung des jeweiligen Nachbarlandes werden die Schüler für eine grenzübergreifende Zusammenarbeit in ihrer Region aktiviert.

Die umfassende Kombination dieser Faktoren soll den Jugendlichen eine Zukunftsperspektive bieten und sie fit für einen erweiterten europäischen Markt machen.

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2. 3 Durchführung

Die Durchführung erfolgt in einem vorläufigen Zweistufen-Modell, das in diesem Jahr durch eine dritte Stufe ergänzt wird (siehe Pkt. 3.3).

Zuerst wurde in der Berufsschule Waldkirchen das Pflichtfach Tschechisch in einem bayernweit einmaligem Pilotprojekt für die Berufsgrundschuljahre (Vollzeitunterricht) Schreiner und Zimmerer in insgesamt drei Klassen eingeführt. Das Projekt wurde vom Kultusministerium vorerst für drei Jahre genehmigt.

Hier erlernen die Schüler Grundlagen der Sprache mit berufsbezogenen Inhalten und üben diese dann in realistischen Gesprächssituationen ein. Zugleich wird ihnen die Kultur, Gesellschaft und die Wirtschaft der Tschechischen Republik nähergebracht. Durch die neutrale Information verfügen die Schüler über Wissen, das ihre Möglichkeit zur realistischen Abschätzung von Informationen aus anderen Quellen intensiviert. Vorurteile, die sich schon jetzt in der nächsten Generation manifestieren, können dadurch abgemildert werden, um dann in der zweiten Phase möglichst ausgeräumt zu werden.

Zuletzt wird Wert auf eine Reihe von persönlichen Kontakten der Jugendlichen beider Länder durch ein Bündel von verschiedenen Maßnahmen ermöglicht. Es werden sportliche (z.B. Fußball) und fachliche Wettbewerbe (Friseurwettbewerb) in beiden Ländern gemeinsam durchgeführt. Häufige Besuche zu Festveranstaltungen der Schulen werden genutzt und gemeinsame Teilnahmen an Leistungsschauen (bis jetzt nur in der Tschechischen Republik) durchgeführt.

Hierdurch soll Toleranz eingeübt und die Völkerverständigung vorangetrieben werden. Nur im direkten Kontakt der Jugendlichen miteinander kann ein „Europäisches Haus“ realisiert werden.

In der zweiten Stufe verbringen zwei Gruppen Jugendlicher mit den Betreuern aus den Partnerschulen eine gemeinsame Woche. 

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Im ersten Teil sind sie in Deutschland in einer Jugendherberge untergebracht. Das Programm beginnt mit einer gemeinsamen Lehrwanderung im nahe gelegenen Wald, die vom dort ansässigen Förster geleitet wird. Erste Kontakte können hier geknüpft und die Berührungsängste abgebaut werden. Als Gemeinschaftserlebnis dieses Tages wohnen die Schüler direkt der Fällung eines Baumes bei. Der Förster vermittelt auch Fachkenntnisse. Die Schüler haben Arbeitsaufträge, bei denen sie das vermittelte Wissen festhalten. Am Abend werden in einer Diskussion die Meinungen und Überzeugungen des Partners aufgedeckt.

Am nächsten Vormittag wird im gemeinsamen Unterricht das unstrukturierte Wissen gegliedert und vertieft. Im Tschechischunterricht müssen die Jugendlichen in gemischten Arbeitsgruppen Wortfelder aus den Fachbereichen in Deutsch und in Tschechisch herausfinden. Eine Zusammenarbeit ist hier zwangsweise notwendig. Am Nachmittag wird in drei Stationen, die nacheinander mit drei Gruppen durchlaufen werden, das entdeckende Lernen gefördert. Die Schüler müssen Baumarten bestimmen, Gewässeruntersuchungen vornehmen und den Wald durch eine Naturmeditation mit allen Sinnen begreifen. Am Abend wird in einem Dartturnier durch die Aufstellung von gemischten Mannschaften der Teamgeist gefördert. Jede Gruppe kann nur durch die Leistung deutscher und tschechischer Teammitglieder gewinnen.

Am Mittwoch wird nach der Besichtigung eines Museumsdorfes in einer gemeinsamen Wanderung die deutsch- tschechische Grenze zumindest geographisch überwunden. Bei einem gemeinsamen Musikabend haben die Jugendlichen zeit sich näher kennen zu lernen. Am Donnerstag wird dann die Bergbaustadt Kasperske hory mit seinem Museum besichtigt. Ab hier war das teilweise völlige Fallen der menschlichen Barrieren ganz deutlich zu spüren.

Der Donnerstag Abend und der Freitag waren dem Besuch der Stadt Prag gewidmet, die auch von vielen Tschechen das erste mal besichtigt wurde.

Nach der Rückkehr wurde die Projektwoche in der Schule noch nachbereitet und die Schüler zu ihrer Meinung befragt.

In einer dritten Stufe (ab Winter 1998) wird der Kontakt zwischen den Schülern stetig aufrechterhalten. Durch die Gründung einer gemeinsamen fiktiven Internetfirma können die Schüler ohne Rücksicht auf die Entfernung jederzeit in Kontakt treten. In dieser Stufe wird der kommunikative und der wirtschaftliche Aspekt besonders stark vertieft und die gemeinsamen Leistungen werden einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

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2.5 Methode

Gewählt wurde eine breite Fächerung der schülerorientierten Methoden. Im Sprachunterricht wird besonders mit visuellen Mitteln (Bildkarten, Farbsymbolen, Videofilmen und Piktogrammen) gearbeitet. Bei der Projektwoche wird besonders der ganzheitliche Lernprozess angesprochen, um die Jugendlichen durch Basiserfahrungen zu einem Gemeinschaftsgefühl zu führen. Auf der Grundlage einer intensiven Vorbereitung durch den Sprach-/Kulturkurs wird eine stressfreie Begegnung an einem Ort ermöglicht, der beiden Gruppen neu ist. Hier werden durch positive Gemeinschaftserlebnisse und den sachgebundenen Zwang zur Zusammenarbeit die Kontakte auf der menschlichen Ebene gefördert. In der dritten Phase soll die Selbstorganisation und Eigeninitiative der Schüler überwiegen.

2.6 Organisation

Der Tschechischunterricht wird auf der Basis eines Pilotprojektes bei drei Klassen mit insgesamt etwa 75 Schülern durchgeführt. Der Unterricht wird in Gruppen zu etwa 12 Schülern in zwei Gruppen im 14-tägigen Wechsel durchgeführt. Die Gesamtwochenstundenzahl wurde durch eine Kürzung des Sportunterrichtes um eine Wochenstunde nicht erhöht.

Die Projektwoche wurde gemeinsam mit der Partnerschule geplant, wobei die jeweiligen Schulen in ihrem Land für die Organisation verantwortlich waren.

Bei der Finanzierung wurden auf der deutschen Seite die Euregio Bayerischer Wald / Böhmerwald und Sponsoren aus der Wirtschaft in Anspruch genommen. Die Schüler mussten einen Eigenanteil von 80.- DM für die gesamte Veranstaltung leisten. Auf der tschechischen Seite wurde vor allem der Euregio-Fond maly projektu in Anspruch genommen. Um eine, der Wirtschaftskraft des einzelnen Partners angepasste, Finanzbelastung zu erreichen, war jeder Partner für die gesamten Kosten im eigenen Land verantwortlich.

Die Finanzierung der dritten, bislang finanzintensivsten, Phase wird noch zusätzlich durch die Robert Bosch Stiftung „Junge Wege in Europa“ sichergestellt.

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3.Ergebnisse

3.1 Einschätzung der Ergebnisse

Wenn man Ziele und Ergebnisse miteinander vergleicht, so stimmen sie sicher nicht immer überein. Aus der Erfahrung der letzten Jahre kann man erkennen, dass sowohl der Sprachunterricht als auch die Begegnungen für sich alleine schon wertvoll sind, die Kombination in einem Stufenplan aber starke Synergieeffekte aufweist.

Hier kurz das Ergebnis der Befragung nach der Projektwoche:( Rückmeldungen 16)

Die Erwartungen von dieser Projektwoche gingen von „Viel erleben (6x) über „Kontakt zu Tschechen (3x) bis zu „Nichts“ (4x)

Der Kontakt zu den Lehrern wurde von allen Schülern als sehr positiv und entspannt empfunden. Ebenso hatten alle Kontakt zu tschechischen Schülern.

Die Verständigung erfolgte etwa zu gleichen Teilen in Deutsch und Tschechisch; Englisch spielte hier nur eine untergeordnete Rolle.

Bei der Frage nach der Verbesserung des Verhältnisses zur tschechischen Jugend wurde am häufigsten mit „besser geworden“ (9x) und „keine Änderung, da noch nie Vorurteile gehabt“ (6x) angegeben. Eine Verschlechterung wurde von keinem Schüler beklagt.

Auf die Frage nach dem Abbau von Vorurteilen wurde folgendes geantwortet: „Ja“ (6x), „hatte keine“ (6x) und „nein“ (2x).

Die Auswirkungen auf das Leben in dieser Grenzregion wurden folgendermaßen beschrieben: „Interesse an der Tschechischen Republik“ (4x); „Fachwissen“ (2x); „Besseres Verhältnis zu Tschechen“ (2x) und keine Angaben durch 6 Schüler.

Auf die Frage, ob solch ein Projekt noch einmal wiederholt werden sollte antworteten alle Schüler mit „Ja“.

Auch wenn die Vorurteile nicht völlig ausgeräumt wurden, was auch nicht realistisch wäre, so zeigte sich doch eine starke Veränderung in der Haltung zu dem Partner. Während die Ängste am ersten Abend so groß waren, dass sich die Schüler zuerst weigerten sich an einen Tisch zu setzen, mischten sich die Gruppen nach wenigen Tagen und hatten im persönlichen Umgang keine Vorbehalte mehr. Auch nach der Rückkehr konnte man im Unterricht erleben, dass ein Schüler, der an dieser Projektwoche teilgenommen hatte, spontan einen Schüler korrigierte, der seine Vorurteile gegenüber den Tschechen zum Ausdruck brachte.

Die Veränderungen sind so notwendig und die Ergebnisse doch so hoffnungsvoll, dass diese und ähnliche Initiativen einen wertvollen Beitrag zur Völkerversöhnung leisten.

Dies sagt auch ein Grußwort des Bundespräsidenten Roman Herzog für die Fachtagung des Fachverbandes Moderne Fremdsprachen Landesverband Bayern aus, nachdem dieser Informationen zu oben genannten Projekten bekam:

„... Wenn es einer Initiative wie der Ihren gelingt, junge Menschen heranzubilden, die die tschechische Sprache beherrschen und daher dort, wo sie tätig sein werden, ein Ferment zur Verbesserung unseres Verhältnisses zu unseren tschechischen Nachbarn bilden können, dann hätten sie Deutschen und Tschechen einen Dienst erwiesen. ...“

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3.2 Schwierigkeiten

Wie das oben angegebene Grußwort zeigt, wird auf höherer politischer Ebene solch ein Projekt befürwortet. Ähnliche Reaktionen gab es auch im bay. Wirtschaftsministerium und Kultusministerium.

Exogene Widerstände und Probleme traten durch die Vorurteile in der Bevölkerung auf, die in Leserbriefen oder durch Protest bei Behörden ihre Missbilligung kundtat. Die Meinungen waren aber gemischt und durch eine positive Pressearbeit und den Rückhalt der Behörden wurde das Projekt in keiner Weise gefährdet. Die Widerstände waren immer mit Existenzängsten, wie einer Mehrung der Arbeitslosigkeit und der Ausbildung von Konkurrenz im Nachbarland geprägt.

Auch die Pressearbeit warf Probleme auf, weil wenig Interesse an der Verbreitung von Berichten über den Lokalteil hinaus bestand. Überregionale Zeitungen oder Fernsehen konnten gar nicht aktiviert werden.

Die Finanzierung stellt zwar immer ein Problem dar, in der binationalen Beziehung wurde dies jedoch noch verstärkt. Durch die schwache finanzielle Ausstattung der tschechischen Schulen und der Schüler bzw. ihrer Eltern musste ein Weg gefunden werden, um die Lasten gerecht zu verteilen. Bei diesem Projekt wurde deshalb auf eine Kostenverteilung nach den ökonomischen Möglichkeiten der Partner geachtet (vgl. Pkt. 2.6).

Ein bislang unbekanntes Problem war die unterschiedliche Intention der beiden Schulen. Während die Berufsschule Waldkirchen gemäß Ihres pädagogischen Auftrages den Schwerpunkt auf die berufliche und ganzheitliche Qualifikation legte, trat bei der Berufsschule SuÓice der Erholungscharakter in den Vordergrund, der durch das Schulministerium bei der Genehmigung und Unterstützung von mehrtägigen Auslandsaufenthalten gefordert wird.

Endogene Probleme ergaben sich durch die immense zeitliche Belastung in der Vorbereitungs- und Durchführungsphase. Die Lehrkräfte mussten hier weit über die übliche Arbeitsbelastung Leistungen erbringen. Dies wurde noch durch die fehlenden Unterrichtsmaterialien und die noch zu geringen Erfahrungen in diesem Bereich verstärkt.

Besonders während der Projektwoche traten durch den Ausfall der Begleitpersonen Engpässe in der Lehrerversorgung der beiden Partnerschulen auf.

Bei den Schülern traten, im Gegensatz zu der nachträglichen Beurteilung (vgl. Pkt. 3.2), Motivationsprobleme auf. Die Tschechische Republik war für die Mehrzahl weder attraktiv noch interessant. Während der Unterricht noch hingenommen wurde und sehr bald auch Interesse und Spaß gezeigt wurden, war die Aussicht auf die Teilnahme an der Projektwoche Anlass, dass Vorurteile als massive Ängste zu tage traten. Wichtig ist hier noch einmal anzumerken, dass nach der Durchführung kein Schüler diese Ängste behalten hatte.

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3.3 Perspektiven für die Zukunft

Die Ergebnisse zeigen, dass diese Initiativen sicherlich Wirkung zeigen. Voraussetzung ist aber eine sorgfältige Planung und eine Verbindung von Sprache und Begegnung in der geschilderten Art. Fehlen solche Gesamtkonzepte, so schlafen Schulpartnerschaften ein und es bleibt eher ein negativer Nachgeschmack, da die angestrebten Ziele nicht oder nur unvollständig erreicht wurden.

Diese Projektplanung wird bis jetzt vor allem im Alleingang von wenigen Idealisten vollbracht. Wenn diese Initiativen nicht einschlafen, sondern sich sogar ausbreiten sollen, so ist ein Zusammenschluss und eine netzwerkartige

Koordinierung notwendig. Erste Ansätze werden hier durch die Tagungen und Seminare des BJR und von Tandem erarbeitet. Durch den FMF werden aktuelle Entwicklungen in den Fachtagungen einem breiten Publikum zugänglich gemacht (Fachverband Moderne Fremdsprachen, Landesverband Bayern, 1. Vorsitzender Walter Christ, e-mail: Walter.Christ@t-online.de). In besonders betroffenen Grenzgebieten, wie in Bayern und Sachsen wäre auch die personelle und finanzielle Unterstützung der Schulen durch die einzelnen Kultusministerien wünschenswert.

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4.Fazit

4.1 weitere Entwicklung

Nach einer wahren Euphorie von Partnerschaften und Austauschaktivitäten scheint jetzt eine Phase der Ernüchterung einzutreten und nur die Projekte hoher Qualität überleben längere Zeiträume. Ausgehend von solchen Kristallisationspunkten muss die behutsame Erweiterung der Kontakte flächendeckend weitergetrieben werden. Gerade im Hinblick auf eine zukünftige Mitgliedschaft der Tschechischen Republik in der Europäischen Union ist eine vorherige Bewältigung der gesellschaftlichen Unterschiede und ein Abbau von Vorurteilen notwendig.

Dies wird, denn man muss hier in größeren Zeiträumen planen, eine Aufgabe unserer Jugend. Deshalb ist es eine Pflicht, jetzt den vorurteilsfreien Umgang mit dem Nachbarn zu ermöglichen und so die Toleranz in unserer Jugend aufzubauen. Europa wächst vor allem an seinen Grenzen zusammen und hier sind die Jugendlichen unsere Chance und Verpflichtung zugleich.

4.2 Übertragbarkeit auf andere Regionen

Diese intensiven Möglichkeiten, wie sie oben geschildert wurden, sind natürlich in den Grenzgebieten zur Tschechischen Republik besonders wichtig und leichter zu verwirklichen als im Rest der Bundesrepublik. Aber schon eine Zusammenarbeit auf der Ebene von Deutschland, Österreich und der Tschechischen Republik in einem Projekt ist leider sehr selten. Die Übertragung ähnlicher Aktivitäten sollte unter dem Motto der Dreistaatlichkeit stehen.. Zumindest in diesen Bereichen sollte eine Übertragung auf hoher Dringlichkeitsstufe stehen. Wenn man das Saarland als Vergleich heranzieht, so ist dort ein Pflichtfach oder zumindest Wahlfach Französisch auf allen Schulebenen selbstverständlich. Eine ähnliche Verbreitung der tschechischen Sprachkenntnisse muss angestrebt werden. „Der europäische Gedanke sollte nicht nur eine lingua franca, sondern gerade die Multilingualität fördern.“(W.Christ, 1. Vorsitzender des FMF, Landesverband Bayern)

 

Quelle: Thomas Hochleitner in: Grenzenlos - durch Sprachen; zusammengestellt und herausgegeben von Prof. Dr. Albert Raasch; Saarbrücken: Universität des Saarlandes, 1998

Nachdruck auch auszugsweise nur mit Genehmigung von Prof. Dr. Albert Raasch

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