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Fortbildung
Jutta Stoephasius
Sprachenlernen im Tandem an der Nanjing
Universität
1. Zur Situation der Tandems in Nanjing
An der Nanjing Universität in der VR China
findet schon seit vielen Jahren ein Sprachaustausch zwischen
chinesischen Germanistikstudenten und deutschsprachigen Studenten,
die zum Chinesischstudium nach Nanjing kommen, statt. Jedes Jahr
kommen so etwa 20-30 deutsch-chinesische Tandems zustande. Meines
Wissens ist diese Situation in China einmalig und bietet die seltene
Chance, eine so große Anzahl von Tandems über einen längeren
Zeitraum beobachten und auf verschiedene Aspekte hin untersuchen zu
können.
Da das Sprachenlernen im Tandem am ehesten dem
natürlichen Spracherwerb entspricht und die chinesischen
Studierenden in der Regel vor dem Sprachaustausch außerhalb des
Unterrichts keinen Kontakt zu Deutschen haben, kommt dem Tandem in
China eine ganz besondere Bedeutung zu und eignet sich daher in
besonderem Maße, die Einflüsse auf sprachliche und interkulturelle
Lernprozesse zu untersuchen.
Ich war von 1996 bis 1999 als DAAD-Lektorin an
der Nanjing Universität und konnte in dieser Zeit Erhebungsdaten zu
über 50 Tandems sammeln. Als Erhebungsmethoden habe ich
Fragebogenuntersuchungen und Leitfadeninterviews gewählt. Außerdem
habe ich von einigen Studierenden Tandemtagebücher erhalten, die
einen interessanten Einblick in die Sprachpartnerschaften und die
Entwicklung dieser Beziehungen über einen längeren Zeitraum geben.
In der Regel war es so, dass die chinesischen und
deutschen Studierenden zu Anfang des Semesters bei einem Treffen,
welches von mir organisiert wurde, zusammenkamen. Durch verschiedene
Spiele wurden Kleingruppen gebildet, so dass die Studenten die
Gelegenheit hatten, sich innerhalb dieser Gruppen näher
kennenzulernen und eventuell einen Sprachpartner zu finden. Im
Unterschied zu den meisten institutionalisierten Tandems, wo die
Tandempartner anonym aufgrund von Fragebögen "vermittelt"
werden, hatten die Studenten hier die Möglichkeit, sich ihren
Sprachpartner selbst auszusuchen. Abgesehen von dem
Kennenlerntreffen zu Beginn, hatte ich später auf die Tandems
keinen Einfluss mehr und habe weder didaktische noch inhaltliche
Ratschläge gegeben, so dass die Tandempartner ganz auf sich
gestellt waren. Die Kennenlerntreffen zur Vermittlung der
Sprachpartnerschaften wurden von den Studierenden als sehr hilfreich
empfunden und sind inzwischen schon zur Tradition an der
Deutschabteilung geworden.
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Als Besonderheit sollte noch angesprochen werden,
dass es sich bei den chinesischen Studierenden um eine Elite
handelt, da nur die besten Schüler des Landes zu einem Universitätsstudium
zugelassen werden, was ganz besonders für die Nanjing Universität
gilt, die zu den Schlüsseluniversitäten Chinas zählt. Die
Deutschabteilung an der Nanjing Universität gehört zu den
renommiertesten des Landes. So sind die Studierenden der
Deutschabteilung fast ausnahmslos außergewöhnlich intelligent und
hochgradig motiviert und haben daher großes Interesse an einer
Sprachpartnerschaft.
Umgekehrt ist das Interesse bei den deutschen
Studenten in China nicht ganz so groß, da sie in China leben und
leichter jemanden finden können, mit dem sie sich auf Chinesisch
unterhalten können. Dazu kommt noch, dass Nanjing eine der wenigen
Städte Chinas ist, in denen Ausländer in chinesischen Gastfamilien
wohnen können. Von dieser Möglichkeit machen sehr viele Deutsche
Gebrauch. Die übrigen Deutschen wohnen in der Regel im Xiyuan, dem
Ausländerwohnheim der Nanjing Universität. Die meisten deutschen
Studierenden haben mir gesagt, dass sie mit dem Chinesischunterricht
an der Nanjing Universität nicht zufrieden waren. Viele Studenten
haben den Unterricht deshalb nach ein paar Monaten gar nicht mehr
besucht, und die Sprachpartnerschaft ist dadurch für einige zu
einem Ersatz für den Unterricht geworden. Verschiedene Studenten
haben sich deshalb sogar mehrere Tandempartner gesucht, um so viel
wie möglich davon zu profitieren. Bei manchen Studenten hat das
Fernbleiben des Unterrichts aber auch dazu geführt, dass sie sich
in Nanjing oder einer anderen Stadt ein Praktikum gesucht haben oder
in China herumgereist sind, weshalb die Tandems dann oft beendet
wurden.
Aufgrund der hohen Motivation der chinesischen
Studierenden und der Tatsache, dass es mehr chinesische als deutsche
Studierende gab, entstand zu Beginn jedes Studienjahrs unter den
chinesischen Studierenden Unruhe und Nervosität, keinen deutschen
Sprachpartner zu finden. Einige chinesische Studenten haben sich
deshalb schon vor dem Kennenlerntreffen einen Sprachpartner gesucht.
Es war festzustellen, dass es dadurch hin und wieder zu Rivalitäten
unter den Studierenden kam und dass einige Deutsche sich zu den
Sprachpartnerschaften verpflichtet fühlten, obwohl sie eigentlich
keine große Lust dazu hatten. Durch dieses Ungleichgewicht haben
sich manchmal auch Gruppen von drei oder vier Teilnehmern gebildet.
Da einige chinesische Studierende keinen Tandempartner gefunden
haben, habe ich sie mit deutschen Frauen, deren Männer in Nanjing
arbeiten, in Kontakt gebracht. Dadurch ergaben sich kleine Gruppen,
die sich regelmäßig trafen.
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Es erscheint mir noch wichtig zu erwähnen, dass
die chinesische Gesellschaft sich in den vergangenen Jahren
gewaltigen Veränderungen unterzogen hat und die Öffnungspolitik
Chinas große Auswirkungen auf die Studenten hat. Nicht zuletzt
spielen dabei die neuen Medien und insbesondere das Internet, das
von vielen Studierenden genutzt wird, eine große Rolle. Als ich
1990 ein Semester an der Fremdsprachenhochschule Tianjin
unterrichtete, zeigten die Studierenden noch eine große Zurückhaltung,
und es war schwierig, Diskussionen mit ihnen zu führen. Heutzutage
diskutieren die Studierenden relativ offen über Politik, Liebe und
Freundschaft.
Während im Allgemeinen mehr männliche Studenten
an der Nanjing Universität studieren, überwiegen an der
Deutschabteilung die weiblichen Studentinnen. In einer Klasse von
etwa 20 Studierenden sind in der Regel drei Viertel weiblich.
Meistens sitzen die Mädchen und Jungen getrennt voneinander, was
sich in den jüngeren Jahrgängen jedoch allmählich ändert. Es ist
mir aufgefallen, dass die Studentinnen der Deutschabteilung gewöhnlich
aufgeschlossener und motivierter sind als ihre männlichen
Kommilitonen. Das hat sich auch in der Untersuchung der Tandems bestätigt.
Bei den deutschen Studierenden an der Nanjing Universität war die
Verteilung der Geschlechter relativ ausgeglichen.
Eine weitere Besonderheit der Tandems in China
ist die Schwierigkeit, einen geeigneten Ort zu finden, wo man sich
treffen kann, vor allem bei Partnern unterschiedlichen Geschlechts
und im Winter. Die Mädchen dürfen in ihrem Wohnheim, wo sie zu
acht im Zimmer wohnen, nämlich keinen "Herrenbesuch"
empfangen, und wenn sie umgekehrt ihre Partner im Ausländerwohnheim
besuchen wollen, müssen sie ihren Ausweis zeigen, was von vielen
als unangenehm und demütigend empfunden wird. Außerdem laufen sie
Gefahr in einen schlechten Ruf zu geraten, wenn sie den gleichen
Studenten häufiger besuchen. Auch in den Gastfamilien ist Besuch
des anderen Geschlechts in der Regel nicht gestattet oder zumindest
nicht erwünscht. So treffen sich die Studierenden sehr häufig im
Freien oder bei McDonald’s oder Kentucky Fried Chicken.
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2. Auswertung der Fragebögen
In den Jahren 1997/98 und 1998/99 habe ich
jeweils zu Beginn und Ende des zweiten und dritten Studienjahres
Fragebögen an die chinesischen und deutschen Studierenden der
Nanjing Universität verteilt, um sie zu ihren Erwartungen und
Erfahrungen zur Tandemarbeit zu befragen. Zur Auswertung liegen
insgesamt 66 Fragebögen der chinesischen Studierenden vom Beginn
des Studienjahres und 58 vom Ende des Studienjahres vor. Der Rücklauf
der deutschen Fragebögen war sehr gering. Es liegen nur 8 Fragebögen
vor, die zu Beginn des Studienjahres ausgegeben wurden und 10, die
gegen Ende des Studienjahres verteilt wurden. Die Fragebögen der
Deutschen können daher nicht repräsentativ sein; sie sollen aber
zum Vergleich hinzugezogen werden.
2.1. Erwartungen und Ziele
Die Auswertung hat gezeigt, dass die chinesischen
Studierenden zu Beginn der Sprachpartnerschaften viel weniger
Erfahrung im Umgang mit Deutschen hatten als umgekehrt und dass sie
außerdem nur in wenigen Fällen über Erfahrung in der Tandemarbeit
verfügten. Über die Hälfte der chinesischen Studierenden gab an,
wenig oder sogar noch nie Kontakt zu Deutschen gehabt zu haben. Von
den deutschen Studierenden hatten drei Viertel früher bereits einen
Tandempartner.
Bei der Frage nach den Erwartungen an den
Tandempartner stand bei den chinesischen Studierenden
"lustig/humorvoll" an erster Stelle, an zweiter Stelle
stand "offen/aufgeschlossen" und
"freundlich/nett", gefolgt von "hilfsbereit" und
"gesprächig/redelustig". Bei den deutschen Studierenden
stand "die Bereitschaft, auch Chinesisch zu reden" an
erster Stelle, gefolgt von "unternehmungslustig". Außerdem
wurden genannt: "gemeinsame Interessen", "deutliche
Aussprache", "er/sie sollte nicht zu gut Deutsch
sprechen", "er/sie muss etwas von seinem Land berichten können",
"regelmäßige Treffen", "Ernsthaftigkeit",
"nett", "aufgeschlossen". Diese kurze Auflistung
zeigt, dass es den deutschen Studierenden in erster Linie darum
ging, sprachlich von der Tandemarbeit zu profitieren, während es
den chinesischen Studierenden vor allem wichtig war, dass ein persönlicher
Kontakt zustande kam. Der Grund dafür könnte darin liegen, dass
die deutschen Studierenden auch außerhalb der Universität Kontakt
zu Chinesen hatten und sich Freunde suchen konnten, während die
chinesischen Studierenden abgesehen von den Sprachpartnerschaften
fast keine Möglichkeit hatten, Deutsche kennenzulernen. Ein
weiterer Grund könnte das bereits erwähnte Faktum sein, dass die
meisten Deutschen mit dem Chinesischunterricht nicht zufrieden waren
und diesen nicht mehr besuchten, so dass die Tandems häufig als
Ersatz für den Sprachunterricht dienten.
Die Ziele der chinesischen und der deutschen
Studierenden stimmten größtenteils überein. Die Verbesserung von
Hörverständnis und Sprechfähigkeit sowie der Erwerb
landeskundlicher Kenntnisse und der Aufbau einer Freundschaft
standen eindeutig im Vordergrund, während die Verbesserung der
Lese- und Schreibfertigkeit kaum eine Rolle spielte.
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2.2. Erfahrungen der Studierenden mit der Tandemarbeit
Im zweiten Fragebogen, der gegen Ende des zweiten
bzw. dritten Studienjahres verteilt wurde, antwortete etwa ein
Viertel der chinesischen Studierenden auf die Frage, ob sie bereits
mit Deutschen Kontakt gehabt hätten, mit "häufig", über
die Hälfte gab an, manchmal Kontakt mit Deutschen zu haben, 9 von
58 antworteten mit "wenig" und zwei mit "nie".
Auf die Frage, wie dieser Kontakt zustande kam,
antwortete die überwiegende Mehrheit mit "Sprachpartner"
(33) und an zweiter Stelle stand "durch Freunde/Bekannte"
(21). Im dritten Studienjahr spielte außerdem das Praktikum in
einer deutschen Firma, das fast alle Studenten absolvierten, eine
große Rolle. Dieses Praktikum, das seit einigen Jahren von der
Deutschabteilung der Nanjing Universität organisiert wird, hat bei
den Studierenden einen nachhaltigen Eindruck hinterlassen. Im
Unterricht haben wir häufig über die Erfahrungen der Studierenden
während des Praktikums gesprochen. Außerdem wurde auf die Frage
nach dem Zustandekommen des Kontakts geantwortet: "durch die
Lehrerin", "in einer Diskothek/in einer Bar" und je
einmal "durch Zufall" und "Brieffreund durch
Internet".
31 % der chinesischen Studierenden hatten zu
diesem Zeitpunkt bereits mehrere Sprachpartner, 40 % hatten bisher
einen Sprachpartner und 29 % hatten noch keinen Sprachpartner. Dabei
fällt auf, dass nur etwa ein Fünftel der Frauen keinen
Tandempartner hatte, jedoch drei Viertel der Männer. Als Gründe,
weshalb die Studierenden keinen Sprachpartner hatten, wurde an
erster Stelle "Ich habe keine Zeit dafür", an zweiter
Stelle "Ich hatte keine Gelegenheit dazu" und an dritter
Stelle "Ich habe kein Interesse daran" genannt. Von den
zehn deutschen Studierenden hatten alle einen Tandempartner, davon
vier einen und sechs mehrere.
Auf die Frage, ob sie mit dem Sprachaustausch
zufrieden waren, antworteten 20 % der chinesischen Studierenden mit
"sehr zufrieden", 55 % mit "zufrieden", 20 % mit
"mittelmäßig" und nur 3 % mit "unzufrieden".
Von den deutschen Studierenden war über die Hälfte sehr zufrieden,
ein Viertel zufrieden und je 10 % antwortete mit "mittelmäßig"
bzw. "unzufrieden". Als Gründe für die Zufriedenheit mit
der Sprachpartnerschaft wurde von den chinesischen Studierenden vor
allem genannt "Wir verstehen uns gut und lernen viel
voneinander", "Wir können uns über alles unterhalten,
was uns interessiert", "Durch den Sprachaustausch sind
meine Deutschkenntnisse verbessert worden", "es macht mir
viel Spaß", "wir haben viele gemeinsame Interessen"
usw.
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Die Studierenden, die mit der Sprachpartnerschaft
nur mittelmäßig zufrieden waren, nannten als häufigsten Grund dafür
Zeitmangel. Außerdem wurden folgende Gründe genannt: "Er war
nicht redelustig und konnte nicht gut Chinesisch. Und unser
Austausch war fast im Bereich des Studiums beschränkt.",
"Es ist sehr gut für das Studium, aber ein bisschen
langweilig", "Die Tandempartner sind beide sehr nett. Aber
in Wirklichkeit habe ich nicht viel vom Sprachaustausch
gelernt." usw. Die beiden Personen, die unzufrieden mit dem
Sprachaustausch waren, gaben als Grund dafür an: ""Mein
Sprachpartner war nicht lebhaft. Wenn wir zusammen waren, schwiegen
wir oft." und "Wir hatten keine gemeinsamen
Interessen."
Die überwiegende Mehrheit der Tandems dauerte länger
als ein halbes Jahr. 27 % der Tandems dauerten drei bis fünf Monate
und 15 % weniger als drei Monate. Etwa die Hälfte der Studierenden
gab an, dass das Tandem zum Zeitpunkt der Befragung noch
funktionierte.
Als Grund für den Abbruch des Tandems wurde von
der Mehrheit der chinesischen Studierenden genannt: "Mein
Partner ist inzwischen abgereist". Außerdem wurden
"Zeitmangel", "Praktikum" und "keine Lust
mehr" als Gründe angegeben. In den Fragebögen wurden also überwiegend
äußerliche Faktoren für den Abbruch des Tandems genannt; in den
Interviews habe ich jedoch herausgefunden, dass manchmal auch
tiefere persönliche Gründe sowie interkulturelle Differenzen oder
Meinungsverschiedenheiten dahinter steckten, worauf später noch näher
eingegangen werden soll.
Die deutschen Studierenden nannten folgende Gründe
für den Abbruch des Tandems: "Weggang aus Nanjing für längere
Zeit", "Die Vorstellungen über den Zweck des
Sprachaustauschs waren zu unterschiedlich", "Es fehlte an
Sympathie", "Der Altersunterschied war zu groß" und
"Die Sprachpartnerin war eifersüchtig auf die zwei anderen
Sprachpartnerinnen; wollte, dass ich die anderen nicht öfter treffe
als sie". Von den männlichen deutschen Studenten wurde in den
Interviews mehrmals eine Neigung zur persönlichen Vereinnahmung
beklagt. Vor allem zu Beginn des Studienjahrs, als die Studentinnen
sich ihren Sprachpartner "sichern" wollten, kam es hin und
wieder zu Rivalitäten und Eifersüchteleien.
Bei der Frage nach dem Geschlecht des
Tandempartners fällt auf, dass es keine einzige Sprachpartnerschaft
zwischen einer deutschen Frau und einem chinesischen Mann gab,
obwohl vier chinesische Männer in dem ersten Fragebogen angegeben
haben, dass sie gerne eine Frau als Tandempartnerin gehabt hätten.
Von den fünf Tandems zwischen chinesischen und deutschen Männern
wurden vier frühzeitig abgebrochen.
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Die Tandems fanden in der Regel einmal pro Woche
oder sogar mehrmals pro Woche statt und dauerten ein bis zwei oder
mehr als zwei Stunden. Häufig wurde auch angegeben, dass die Dauer
der Treffen ganz unterschiedlich sei. Es ist jedoch festzustellen,
dass die Dauer der Treffen mit der Zufriedenheit der Tandempartner
zunimmt. Gerade Studierende, die mit dem Tandem sehr zufrieden
waren, berichteten mir oft, dass sie sich mit ihrem Sprachpartner
stundenlang angeregt unterhalten haben.
Bezüglich der Einschätzung der Sprachkenntnisse
wichen die Antworten der chinesischen und der deutschen Studenten
etwas voneinander ab, da die Mehrheit der chinesischen Studierenden
behauptete, dass die deutschen Partner etwa so gut Chinesisch wie
sie Deutsch sprechen würden, während die Mehrheit der deutschen
Studierenden angab, dass die chinesischen Partner viel besser
Deutsch sprechen würden als sie selbst Chinesisch. Diese Abweichung
ist jedoch nicht weiter verwunderlich, da Eigen- und
Fremdwahrnehmung oft voneinander abweichen, und auch bei anderen
Untersuchungen zum Tandem konnte bei dieser Frage festgestellt
werden, dass die Fremdsprachenkenntnisse der Partner oft besser
beurteilt werden als die eigenen.
Auf die Frage nach der Sprachenverteilung gaben
46 % der chinesischen Studierenden an, dass in den Tandems mehr
Deutsch gesprochen wurde, 40 % meinten, dass genauso viel Deutsch
wie Chinesisch gesprochen wurde, und 14 % waren der Meinung, dass
mehr Chinesisch gesprochen wurde. Auch hier weicht die Einschätzung
etwas von der der deutschen Studierenden ab, die mit überwiegender
Mehrheit angaben, dass genauso viel Deutsch wie Chinesisch
gesprochen wurde, was darauf schließen lässt, dass das Verhältnis
von Deutsch und Chinesisch relativ ausgeglichen war. Interessant ist
dabei, dass es nur in seltenen Fällen eine Regel für die
Aufteilung der Sprechphasen gab. 85 % der chinesischen Studierenden
gaben an, dass sie keine Regel dafür hatten, und nur 15 % meinten,
dass sie jeweils eine Stunde Chinesisch und eine Stunde Deutsch
miteinander gesprochen hätten. Dabei fällt auf, dass alle
Personen, die sich nach dieser Regel richteten, nur mittelmäßig
zufrieden oder sogar unzufrieden mit dem Tandem waren. Auch in den
Interviews wurde von den meisten berichtet, dass der Sprachenwechsel
spontan geschah und in der Regel keine Probleme bereitete, während
es eher als negativ empfunden wurde, wenn eine Person sich zu starr
an eine bestimmte Sprachenregelung hielt. Vermutlich geht die Natürlichkeit,
die eine Tandemsituation normalerweise ausmacht, dabei verloren und
der Sprachaustausch wird eher als Unterrichtssituation empfunden, so
dass der Spaß verloren geht. Es ist festzustellen, dass die Tandems
am Anfang strukturierter ablaufen und man sich eher an eine
Sprachenregelung hält, während die Treffen im Laufe der Zeit
lockerer werden.
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Die häufigsten Aktivitäten beim Tandem waren
"Unterhaltung" und "zusammen essen gehen". In
China spielt Essen eine sehr wichtige Rolle, außerdem ist es sehr
preiswert, essen zu gehen, vor allem auf dem Universitätscampus, wo
es viele kleine Restaurants gibt. Da es in China ohnehin schwierig
ist, einen geeigneten Ort für die Treffen zu finden, bieten sich
diese Restaurants für ein Treffen geradezu an. Im Winter trafen
sich die Studierenden auch gerne bei McDonald’s oder Kentucky
Fried Chicken, da diese Restaurants im Gegensatz zu den Gebäuden
auf dem Campus beheizt sind. Außerdem wurde häufig angegeben, dass
die Tandempartner zusammen einen Ausflug machten und mit einem
Lehrbuch lernten. Als weitere gemeinsame Aktivitäten wurden
"Einkaufen", "Kochen", "Eine Reise
machen", "Spazieren gehen", "Tischtennis
spielen" und "Ins Kino gehen" genannt.
Auf die Frage, welche Faktoren beim Tandem eine
Rolle spielten, wurden sowohl von den chinesischen als auch von den
deutschen Studierenden Sympathie und Kommunikationsbereitschaft als
die wichtigsten Faktoren genannt. Jedoch spielen auch gemeinsame
Interessen, Lernbereitschaft und gemeinsame Unternehmungen eine
nicht unwesentliche Rolle.
Die Selbsteinschätzung des sprachlichen
Lernerfolgs entsprach den Erwartungen, nach denen im ersten
Fragebogen gefragt wurde. Der Fortschritt im Hören und Sprechen
wurde am größten bewertet, gefolgt von "Lernen von umgangs-
und jugendsprachlichen Ausdrücken" und "landeskundlichen
Kenntnissen". Schreiben und Lesen spielten eine relativ geringe
Rolle, was damit begründet wurde, dass der Schwerpunkt im Tandem
auf mündlicher Konversation lag und nur wenig Zeit auf Lesen und
Schreiben verwendet wurde.
Bei der Frage, woher die Studierenden die meisten
Informationen über Deutschland bzw. China bekommen, zeigt sich
deutlich, dass der Unterricht für die chinesischen Studierenden
eine zentrale Rolle einnimmt, während er für die deutschen
Studierenden nur eine untergeordnete Rolle spielt. Umgekehrt haben
die deutschen Studierenden viel mehr Möglichkeiten, Kontakt zur
chinesischen Bevölkerung zu finden, von der sie auch die meisten
Informationen über China bekommen. Dabei spielen besonders die
Gastfamilien, bei denen viele Deutsche wohnen, eine wichtige Rolle.
Bücher sind für Chinesen und Deutsche eine etwa gleich wichtige
Informationsquelle und kommen noch vor den Sprachpartnerschaften.
Die letzte geschlossene Frage, die gestellt
wurde, war: "Ist Ihr Sprachpartner für Sie nur ein
Sprachpartner oder ein Freund/eine Freundin?" Darauf antwortete
die überwiegende Mehrheit der chinesischen und der deutschen
Studierenden, dass sich aus der Sprachpartnerschaft eine
Freundschaft entwickelt hat. In den Interviews habe ich
festgestellt, dass es für viele schwierig ist, zwischen
Sprachpartnerschaft und Freundschaft zu unterscheiden. Als Begründung,
warum es sich ihrer Meinung nach um eine Freundschaft handelte,
wurde meistens angegeben, dass man sich gut verstand und über etwas
Privates sprach, während es bei einer Sprachpartnerschaft blieb,
wenn man wenig über das Privatleben sprach oder gemeinsame
Interessen fehlten.
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Am Ende sollten die Studierenden selbst
Bemerkungen machen, was bei den Tandems allgemein als positiv oder
negativ empfunden wurde und was sie in Zukunft eventuell anders
machen würden. Von den chinesischen Studierenden wurde häufig als
positiv geäußert, dass sie sich in den Tandems im Gegensatz zum
Unterricht natürlich, entspannt und frei unterhalten konnten, was
der These entspricht, dass es sich bei den Sprachpartnerschaften am
ehesten um natürlichen Spracherwerb handelt. Auch gemeinsame Ausflüge
und Reisen wurden als positiv bewertet. Als negativ wurde von
chinesischen Studierenden vor allem der Zeitmangel angeführt. Von
einigen Studierenden wurde bemängelt, dass die Partner nicht
redelustig waren und dass ihnen manchmal Gesprächsthemen fehlten.
Außerdem wurde in einigen Fällen genannt, dass die Sprachpartner
unterschiedliche politische Meinungen hatten. Dabei wurde vor allem
das Thema Tibet wiederholt angesprochen.
Auch von den deutschen Studierenden wurde das
"natürliche Lernen" ohne vorgegebenen Lehrstoff als
positiv bewertet. Als Problem wurde hier mehrmals genannt, dass es
oft schwierig war, einen geeigneten Ort für die Treffen zu finden,
vor allem im Winter.
3. Auswertung der Interviews
Um etwas mehr über die Themen und Inhalte, über
die gesprochen wurde, zu erfahren sowie darüber, wie die
Interaktion und das Lernen im Tandem erfolgt, habe ich im Anschluss
an die Fragebogenaktionen 35 Interviews geführt, davon 27 mit
chinesischen und 8 mit deutschen Studierenden. Die Interviews
dauerten zwischen 30 und 45 Minuten. Da es sich dabei um narrative
Interviews handelt, in denen die Studierenden von sich aus viel über
den Ablauf des Tandems erzählen, konnte ich der
Handlungswirklichkeit dadurch relativ nahe kommen.
In den Interviews habe ich die Studierenden auch
gefragt, warum es ihrer Meinung nach zum Abbruch eines Tandems
gekommen ist und ob es sprachliche, persönliche oder
interkulturelle Probleme gegeben hat.
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3.1. Themen und Inhalte der Tandems
Die Themen, über die gesprochen wurde, waren
sehr weit gefächert. Folgende Themen wurden von den Studierenden
genannt: Familie, Studium, Praktikum, Hobbys, Reisen, Filme, Sport,
Politik, Ausländerprobleme in Deutschland, Unterschiede zwischen
Chinesen und Deutschen, Sternzeichen, Feste wie Weihnachtsfest, Frühlingsfest,
usw. Einige Studenten berichteten, dass sie zusammen mit ihrem
Sprachpartner deutsche und chinesische Gedichte lasen und darüber
sprachen. Außerdem lernte man zusammen Grammatik, Vokabeln,
Umgangs- und Jugendsprache und Dialekte, und Sprache wurde somit
immer wieder zur Metasprache.
Häufige Themen unter weiblichen
Sprachpartnerinnen waren Männer, Heiraten und das Zusammenleben vor
der Ehe, das in China nicht üblich ist, aber worüber sehr gern und
häufig diskutiert wird. Themen unter männlichen Sprachpartnern
waren Wirtschaft, Fußball und Bier. Ein deutscher Student sagte,
dass die Themen mit seinem männlichen Sprachpartner eindeutig
anders seien, als mit seinen weiblichen Sprachpartnerinnen: "Es
wird nicht so viel über Bienen und Schmetterlinge gesprochen."
Wie intensiv über die Themen geredet wurde,
bleibt jedoch fraglich, denn eine chinesische Studentin behauptete
z. B., sie hätte sich mit ihrem Sprachpartner über fast alle
Themen unterhalten, während ihr Sprachpartner, den ich getrennt von
ihr befragt habe, der Meinung war, sie hätten "kein großes
gemeinsames Thema" gefunden. Sie sagte, sie hätten "viel
über Literatur gesprochen", er hingegen meinte, dass sie zwar
beide gerne lasen, dass es aber ihre sprachlichen Möglichkeiten übersteigen
würde, über Literatur zu sprechen.
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3.1.1. Die Bombardierung der chinesischen
Botschaft in Belgrad durch die NATO
Ein Ereignis, welches zu großen
Meinungsunterschieden unter den Sprachpartnern führte, war die
Bombardierung der chinesischen Botschaft in Belgrad während des
Kosovo-Krieges im Mai 1999. Der Vorfall löste eine große Welle der
Empörung und der Ausländerfeindlichkeit in China aus, was durch
eine beispiellose Propagandaberichterstattung in den chinesischen
Medien angeheizt wurde. Die Bevölkerung war der festen Überzeugung,
dass die chinesische Botschaft von den Amerikanern mit Absicht
bombardiert wurde. Dieser Zwischenfall führte mitunter zu einer Veränderung
in den Beziehungen der Sprachpartner, und mehrere deutsche
Studierende berichteten mir, dass sie hier an Grenzen gestoßen
seien. An diesem Beispiel lässt sich auch das unterschiedliche
Kommunikationsverhalten von Chinesen und Deutschen darstellen.
Während eine chinesische Studentin erzählte,
dass sie mit ihrem Sprachpartner über Politik und die Bombardierung
der chinesischen Botschaft in Belgrad diskutiert hätte, berichtete
dieser, dass eine Diskussion über dieses Thema mit ihr nicht möglich
war und jedesmal von ihr abgeblockt wurde. Er meinte, sie hätte
eine sehr passive Haltung dazu gehabt und hätte das Thema in der
Regel mit einem Satz wie "Wir Chinesen denken anders"
beendet. Solche Vermeidungsstrategien, zu denen auch ein
Themenwechsel oder die Zustimmung zur Meinung des Gegenübers gehört,
sind häufig in der chinesischen Kommunikation und dienen dazu,
offene Konfrontation zu vermeiden und das Gesicht des anderen zu
wahren.
Die meisten deutschen Studierenden empfanden das
Thema als sehr heikel und berichteten in den Interviews, dass sie
"sehr vorsichtig" darüber gesprochen und manche Dinge
"aus Rücksicht" nicht gesagt hätten. Das wurde auch von
einigen Sprachpartnern bemerkt, wie mir eine chinesische Studentin
sagte:
"Die Studenten, die nach China kommen, sind
gegenüber China nicht sehr kritisch, und sie sind auch höflich;
sie sprechen über solche Themen nicht sehr kritisch, nicht sehr
direkt."
Von den deutschen Studierenden wurde beklagt,
dass es schwierig sei, mit den chinesischen Sprachpartnern über das
Bombardement zu diskutieren und dass die Diskussionen gewöhnlich an
einem bestimmten Punkt endeten, da immer wieder die gleichen
Argumente vorgebracht wurden, so dass "es nichts mehr gebracht
hat" und "Frust" entstand. Einige Deutsche meinten,
dass sie am Ende nicht gewusst hätten, was ihre Sprachpartner nun
wirklich gedacht haben. In den Interviews haben mir aber fast alle
chinesischen Studierenden gesagt, dass sie immer noch der Meinung
seien, dass die Amerikaner die Botschaft mit Absicht bombardiert hätten
und dass sie und ihre Sprachpartner darüber unterschiedlicher
Meinung seien.
[Anfang]
3.1.2. Chinesische Medien
Im Zusammenhang mit der Bombardierung der
chinesischen Botschaft ging es oft auch um die chinesischen Medien,
worüber ebenfalls unterschiedliche Meinungen herrschten. Auch hier
äußerten sich die meisten Deutschen ihrer Ansicht nach relativ
vorsichtig. Ein deutscher Student sagte mir im Interview:
"Wenn ich über die Sicht der chinesischen
Medien offen sprechen würde, ich denke das wäre was, was nicht
verstanden werden würde."
Es fällt auf, das die im Westen weit verbreitete
Kritik an den chinesischen Medien im Allgemeinen von der
chinesischen Bevölkerung nicht geteilt wird. Selbst die
Studierenden der Deutschabteilung, die Zugang zum Internet und zu
deutschen Zeitungen und Zeitschriften haben, äußerten sich in der
Regel positiv über die chinesische Presse. Dabei ist festzustellen,
dass die chinesische Presse weniger mit der Presse im Ausland
verglichen wird als vielmehr mit der Entwicklung der Presse im
eigenen Land, und man hebt hervor, dass es "schon viel besser
als früher" sei und auch über negative Seiten von China
berichtet würde.
Kurios erscheint es, wenn eine chinesische
Studentin ernsthaft glaubt, dass ein Mann auch schwanger werden
kann, da sie es in der Zeitung gelesen hat. Es war daher zu einer
Meinungsverschiedenheit mit ihrer Sprachpartnerin gekommen, und sie
sagte zu mir:
"Dadurch kam ich zum Schluss, dass wir
verschiedene Meinungen zu den Medien haben. Ich glaube alles, was
auf der Zeitung steht."
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3.2. Gründe für den Abbruch eines Tandems
Auf die Frage nach dem Grund für den Abbruch
eines Tandems wurden in den Fragebögen meist äußerliche Faktoren
wie "Zeitmangel" oder "Praktikum" angegeben, in
den Interviews stellte sich die Situation jedoch anders dar. Einige
männliche deutsche Studenten erzählten, dass sie ein Tandem
relativ schnell abgebrochen hätten, wenn sie merkten, dass ihre
"Sprachpartnerin" gar kein Interesse an einem
Sprachaustausch hatte, sondern eine persönlichere Beziehung
anstrebte oder mit ihrer Hilfe nach Deutschland kommen wollte, wobei
es sich dabei meistens um Mädchen handelte, die nicht aus der
Deutschabteilung kamen. Das scheint relativ häufig vorzukommen, was
umgekehrt für die Mädchen, die wirkliches Interesse an einem
Sprachaustausch haben, ein Problem darstellt, wie mir von einer
Studentin berichtet wurde:
"Für mich gibt es noch ein Problem, in China
glauben viele Leute, wenn ein chinesisches Mädchen mit einem ausländischen
Mann zusammen ist, dann möchte das Mädchen bestimmt was von dem
Ausländer bekommen; sie werden darüber reden, das mag ich überhaupt
nicht."
Einige chinesische Studentinnen haben sich aus
diesem Grund eine Frau als Sprachpartnerin gesucht.
Als ein weiterer Grund für den Abbruch des
Tandems stellte sich heraus, dass Gefühle verletzt wurden.
Chinesische Studierende fühlten sich schnell beleidigt, wenn ihr
Heimatland kritisiert wurde. Eine Studentin, deren Tandem schon nach
zwei Monaten abgebrochen wurde, schrieb dazu im Fragebogen:
"Manchmal wurde von meiner Partnerin auf der
Straße über die zurückstehenden Phänomene Chinas geklagt. Mir
fiel es schwer, nur "ja" zu sagen. Leider besser konnte
ich auch nichts machen."
Manchmal spielten auch Gefühle der Zurücksetzung
eine Rolle. Eine chinesische Studentin berichtete mir zum Beispiel,
dass ihr Tandem beendet wurde, nachdem sie davon erfahren hatte,
dass ihr Sprachpartner mit einem anderen Mädchen ins Kino ging,
obwohl er eigentlich mit ihr verabredet war. Und eine deutsche
Studentin fühlte sich ziemlich gekränkt, als sie bemerkte, dass
ihre Sprachpartnerinnen, mit denen sie sich immer in der Gruppe
getroffen hatte, sich mit einem anderen Deutschen trafen, obwohl sie
ihr gegenüber behauptet hatten, dass sie für den Sprachaustausch
keine Zeit mehr hätten.
Nach Angaben der Studierenden gab es keine
sprachlichen Missverständnisse, die zum Abbruch eines Tandems führten.
Als Probleme wurden jedoch häufig Meinungsunterschiede zu
politischen Themen genannt, was bereits erläutert wurde. Dabei
wurde auch mehrmals beklagt, dass die sprachlichen Möglichkeiten
nicht ausreichten, um über solche Themen zu diskutieren.
[Anfang]
4. Abschließende Bemerkungen
Insgesamt konnte ich feststellen, dass die
Tandems sowohl für die chinesischen als auch für die deutschen
Studierenden erfolgreich verlaufen sind. Dabei war der
Sprachaustausch umso zufriedenstellender je besser beide Partner die
Fremdsprache beherrschten. Insofern erweist sich der häufig geäußerte
Wunsch nach einem Sprachpartner, der die eigene Sprache nicht oder
kaum beherrscht, als Trugschluss. Da die Sprachpartnerschaften sich
häufig zu einer Freundschaft entwickeln, spielen dabei eine Menge
subjektiver Faktoren eine Rolle, die individuell sehr
unterschiedlich sind und kaum verallgemeinert werden können. Meiner
Erfahrung nach waren die Tandems besonders erfolgreich, wenn die
Sprachpartner kommunikativ und offen waren, während es oft als
Problem empfunden wurde, wenn der Tandempartner sehr zurückhaltend
war und man sich nichts zu sagen hatte. Auch häufig genannte
Meinungsunterschiede zu politischen Themen konnten in der Regel überwunden
werden, wenn die Partner sich gut verstanden und offen zueinander
waren.
Viele chinesische Studierende haben mir gesagt,
dass sie sich durch das Deutschstudium und ihre Sprachpartner verändert
hätten und "offener", "direkter" und
"unabhängiger" geworden wären. Diese Veränderungen
wurden auch von den deutschen Sprachpartnern bemerkt.
Auch wenn Tandem in China den Unterricht nicht
ersetzen kann, so ist es sicher eine sinnvolle und notwendige Ergänzung,
von der deutsche und chinesische Studierende sowohl sprachlich als
auch persönlich profitieren können.
[Anfang]
Literatur:
BRAUN, Angelika: "Sprachlernaktivitäten
im E-mail-Tandem: Erfahrungen mit selbstbestimmtem Lernen im
E-mail-Tandem an der Universität Guadalajara, Mexiko." In:
Akten des IX. Lateinamerikanischen Germanistenkongresses,
Concepcion, Chile 1998.
GICK, Cornelia/WERTENSCHLAG, Lukas:
"Autonomes Lernen im Tandem." In: Künzle, Beda/Müller,
Martin (Hg.): Sprachen lernen im Tandem, Freiburg 1990.
GÜNTHNER, Susanne: Diskursstrategien in der
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Tübingen 1993.
HERFURTH, Hans-Erich: Möglichkeiten und
Grenzen des Fremdsprachenerwerbs in Begegnungssituationen. Zu
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LIANG, Yong: "Höflichkeit als
interkulturelles Verständigungsproblem." In: Jahrbuch DaF 18
(1992).
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Thesen zur Verbreitung von Tandem und eTandem
weltweit, aus China gesehen
Die Chancen für das Präsenztandem in China sind zwar nicht
schlecht, aber relativ eingeschränkt, da es nur in wenigen Städten
genügend ausländische Studenten gibt (hauptsächlich in Beijing,
Shanghai und Nanjing). Selbst in den Städten, wo relativ viele
Deutsche studieren, ist das Verhältnis zwischen Chinesen und
Deutschen längst nicht ausgewogen, so dass auf einen Deutschen
immer eine ganze Gruppe von Chinesen kommt. Als ich z.B. früher
in Shanghai studiert habe, gab es eine so genannte „Deutsche
Ecke“, zu der in der Regel etwa 10 bis 20 Chinesen und nur 1-2
Deutsche kamen. Für die meisten Deutschen waren diese Art der
Treffen eher unangenehm, so dass am Ende kaum noch jemand dorthin
ging. Gute Erfahrungen habe ich damit gemacht, Expatriate-Frauen
mit chinesischen Studierenden in Kontakt zu bringen. Diese Frauen
haben in der Regel viel Zeit und haben Interesse daran, Kontakt
zur chinesischen Bevölkerung zu bekommen, wozu sie sonst nicht so
viel Gelegenheit haben. Allerdings handelt es sich dabei nicht um
Tandem im eigentlichen Sinn, da sich mehrere Frauen und
Studierende in der Gruppe treffen und in der Regel nur auf Deutsch
gesprochen wird.
Für das eTandem sehe ich sehr große Chancen in China, da fast
alle chinesischen Studierenden Zugang zum Internet haben. Das
Interesse an dieser Art von Sprachaustausch ist zweifellos sehr
groß.
Theoretisch gesehen kann Tandem sicherlich „weltweit“ sein,
praktisch ist es aber in vielen Ländern schwierig und kann mit
Sicherheit nicht der gesamten Bevölkerung zugänglich gemacht
werden. In China gibt es z.B. nur in sehr wenigen Städten ausländische
Studierende (s.o.). Auch der Zugang zu Computer und Internet ist
auf die großen Städte und Ballungszentren beschränkt. Abgesehen
von Englisch gibt es in China prozentual gesehen auch nur sehr
wenige Leute, die Fremdsprachen lernen.
Die Verbreitung von eTandem wäre sicher eine gute Möglichkeit,
Tandem „weltweit“ zu machen. Ich bezweifle aber, dass eTandem
das Präsenztandem ersetzen kann. Meiner Meinung nach ist ein persönlicher
Kontakt immer noch wesentlich intensiver und daher dem eTandem
vorzuziehen.
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Tandem-Materialien-Katalog
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