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Mugaz Gain-Tandem



Vorwort: Tandemlernen und Sprachenpolitik



Prof. (em.) Dr. Albert Raasch, Romanistisches Institut, Universität des Saarlandes, Saarbrücken





Es ist erstaunlich: die fünf innovativen Ansätze, die das Lernen und Lehren von Fremdsprachen in Europa heute bestimmen, haben trotz aller Verschiedenheit etwas durchgängig Gemeinsames:

* das Lernen von Sprachen in Tandems
* das Begleiten des Sprachenlernens durch Portfolio-Projekte
* das Lernen in Etappen durch Definition von Niveaustufen
* die Öffnung des Sprachenlernens zum interkulturellen Lernen
* das Lernen der Partnersprache in Grenzregionen.

In Grenzregionen wird besonders deutlich, welche Aufgaben das Erwerben von Sprache hat; wie in einem Fokus werden sichtbar: die Notwendigkeit, über Sprachen Brücken zum Anderen zu bauen; die Chancen der Nähe zu nutzen, um Motivation für das Erlernen und den Gebrauch der Nachbarsprache zu schaffen; die grenzüberschreitenden Kontakte und Kooperationsmöglichkeiten zur Förderung der Authentizität im Lernen / Lehren von Sprachen einzusetzen; Fremdes, Anderes, Ungewohntes akzeptieren zu lernen und vertraut werden zu lassen.

Das interkulturelle Lernen hebt den Begriff der Sprache auf eine höhere Ebene: Sprache ist Teil der Kultur, so wie Architektur, Musik, Malerei ebenfalls Teile einer Kultur sind; aber das Umgekehrte gilt auch: Kultur ist in Sprache, eingebettet in Sprache, Sprache bewahrt Kultur auf, Sprache ist das Gedächtnis von Kultur, wie man gesagt hat. Interkulturelles Lernen stellt über das Sprachenlernen Bezüge her zu anderen Kulturen, vergleicht andere Kulturen mit der eigenen Kultur, fördert das Verständnis von kulturellen Besonderheiten und Unterschieden.

Portfolio-Projekte sind im Kern so etwas wie Lerntagebücher, in denen die Lernenden ihre Lernergebnisse, ihre Lernerfahrungen, Lernerfolge, ihre Misserfolge, ihre Lernlücken und -defizite eintragen. Wer ein Lerntagebuch führt, beobachtet sein eigenes Lernen und analysiert die Ergebnisse, um das Lernen selbst in die Hand zu nehmen und es dadurch effizienter zu machen. Ein Portfolio weist aus, was jemand gelernt hat, wie er gelernt hat, wie aktiv und engagiert und intelligent er das Lernen gestaltet hat.

Die Definition von Niveaustufen macht es möglich, dass das Lernen von Sprachen in klar beschriebenen Etappen erfolgen kann. Am Ende jeder Etappe hat man bestimmte Fertigkeiten erreicht; diese Leistungen kann man sich durch Zeugnisse dokumentieren lassen und kann dann, wenn man will, eine neue Etappe anpacken. Die Definition der Niveaustufen ist für (fast) alle europäischen Länder identisch und verbindlich, und sie ist unabhängig von den nationalen Besonderheiten wie Abitur, Baccalauréat usw. Diese Niveaustufen, die im Europäischen Referenzrahmen beschrieben werden, sind also so etwas wie Sprachleistungs-Euros.

Das Lernen von Sprachen in Tandems fördert den menschlichen Kontakt zwischen Lernenden verschiedener Muttersprache; es ermöglicht gemeinsames Lernen über Grenzen und über Distanzen hinweg und baut Grenzen und Distanzen ab (vgl. die diversen Projekte der Gruppe um Jürgen Wolff sowie das Projekt "e-Mail-Tandem-Lernen" von Helmut Brammerts, Universität Bochum); es fördert das Lernen durch die persönliche, intime Atmosphäre der Zweier- oder Dreiergruppen; es schafft die Möglichkeit, authentische Sprache direkt vom Native speaker zu lernen; durch den sprachlichen Wechsel werden das Lernen und das Lehren kombiniert und damit das überkommene Gefälle Lehrer / Lerner durch partnerschaftliches Miteinander abgelöst.

Gehen wir diese fünf Ansätze noch einmal durch und versuchen wir, sie - auch auf die Gefahr der Verkürzung hin - auf den Punkt zu bringen:

# Das Lernen und Lehren der Nachbarsprachen fördert Kontakte, Verständigung und Verständnis über Grenzen.
# Das interkulturelle Lernen baut Barrieren zwischen Kulturen ab.
# Die Portfolioprojekte fördern die Selbständigkeit und individuelle Entfaltung der Persönlichkeit.
# Der Referenzrahmen ermöglicht die Mobilität in Europa.
# Das Tandemlernen fördert die demokratische Gestaltung des Lehr- / Lernprozesses. 

Allen fünf Ansätzen gemeinsam ist also offenkundig die sprachenpolitische, um nicht zu sagen: politische Perspektive.

Mit Hilfe dieser fünf Ansätze erhält das Sprachenlernen und -lehren die Funktion, einen Beitrag zur Förderung der citizenship / der citoyenneté als dem Kern europäischer Identität zu leisten. Dieser gemeinsame politische Kern könnte Anlass dafür sein, die bereits bestehenden Brücken zwischen diesen fünf Ansätzen auszubauen. Was zwischen Portfolio und Referenzrahmen bereits Wirklichkeit ist, könnte v ertieft auf Nachbarsprachenlernen /-lehren, auf interkulturelles Lernen und Tandemlernen ausgedehnt werden.

Das Projekt "Fremdsprachendidaktik für Grenzregionen", das von uns 1996 initiiert wurde und seit 1997 von dem Fremdsprachenzentrum des Europarats in Graz, dem KulturKontakt Austria in Wien, dem Goethe Institut Inter Nationes in München und der Talenacademie Nederland in Maastricht getragen wird, verwirklicht die Gemeinsamkeit dieser Ansätze bereits weitgehend; das im Rahmen dieses Projektes geschaffene Zentrum "CICERO" (vgl. den Aufsatz von Ruud Halink in 6.3D) vermittelt nähere Informationen darüber.

Die Diskussion über eine europäische Verfassung, die auf der Gipfelkonferenz in Nizza im Jahre 2000 noch einen deutlichen Misserfolg zeigte, die in Laeken im Jahre 2001 wieder in Gang gebracht wurde und die im Jahre 2002 / 2003 auf Erfolg hoffen darf, wird diese citoyenneté / citizenship entfalten müssen und damit dem Sprachenlernen und -lehren einen wichtigen Platz für die Förderung des Standortes Europa einräumen.

Die Bedeutung des Tandemlernens wird dadurch ersichtlich; es erweist sich als ein sprachenpolitisches und politisches Tun, es erweist seine Dynamik, es erweist seine Vernetzung und seine Aktualität.

Im Hinblick auf diese Perspektive knüpfen sich aber auch hohe Erwartungen an die Gestaltung und Fortschreibung des Tandemlernens, und es ist zu hoffen, dass diese Dokumentation einen Beitrag dazu im Bereich des grenzüberschreitenden Lernens bietet.

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