Deutsche Abteilung

 

Was können wir aus ‘Maite lernt Deutsch / Deutsch zum Eintauchen’ für Lehrwerke in Spanien lernen ?

Warum ‘Maite lernt Deutsch’ entstand, ist im Boletín 7 des Instituto Alemán vom September 1985 auf S. 12 so beschrieben: "Quien tenga amigos alemanes sabe que hay que ponerles cientos de ejemplos y ejercicios para que capten la diferencia entre ‘ser’ y ‘estar’, y no les parece nada ‘lógica’. A un portugués, sin embargo, ni hace falta explicársela.

Esto nos demuestra que para el aprendizaje de un idioma cuenta no sólo su propia dificultad, sino también la estructura del idioma de partida, ya que ésta influye mucho en las dificultades con las que se tropieza y provoca parte de las preguntas que se ponen en clase. Cualquier profesor se da cuenta de que ciertos temas necesitan más atención de lo previsto en los libros ‘universales’, elaborados para todo el mundo. Por ello, se pidieron ‘regionale Lehrwerke mit kontrastiver Grammatik’ que adapten la progresión de la materia a cada comunidad lingüística."

Angesichts dieser Lücke kam 1981 die Idee auf, zum damaligen, von Braun/Nieder/Schmöe verfassten Standardlehrbuch für die Grundstufe ein kontrastives Beiheft (!) zu entwickeln, das sich bald zum eigenständigen Lehrwerk mauserte. Es erlebte vier Auflagen, und war schliesslich gedacht als

  • kurstragendes Lehrwerk für den Klassen/Gruppen/Einzelunterricht

  • ergänzendes Material für den Klassen/Gruppen/Einzelunterricht

  • Programm für gezielte Wiederholung oder Aufholen versäumten Unterrichts für einzelne LernerInnen

und wurde später zum

  • Selbstlernprogramm ‘Deutsch zum Eintauchen’ ausgebaut.

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1 Die Bestandteile

für LernerInnen:

  • Lehrbuch 1 und 2

  • Übungsbuch 1 und 2

  • Kassetten A-1, A-2, B, C, D

  • Selbstlernhilfe mit spanischen Erklärungen und Schlüssel

Die geplanten baskischen, galicischen und katalanischen Beihefte und die Computerfassung wurden nicht fertiggestellt. Dafür ist das Leseverstehensprogramm mit spanischen Anweisungen und Lösungsschlüssel auch separat erhältlich.

für LehrerInnen ausserdem:

  • Lehrhilfe 1 und 2 mit Overheadfolien

  • Spielkartei (der Progression angepasst, aber lehrbuchunabhängig einsetzbar)

  • Kassetten mit Hörtexten 1 und 2

  • Aussprache- und Verschriftungsübungen

Die einzelnen Lektionen beinhalteten jeweils:

  • Dialoge und Texte

  • induktive Grammatikerklärungen im Dialog von Maite und dem quadratköpfigen Lehrer

  • kommunikative und strukturorientierte Übungen

  • Redemittellisten und freie Diskussionsthemen/Rollenspiele

  • LV- und HV-Übungen

  • eine Satzbautabelle

  • eine Selbstkontrollliste zu Grammatik und Intentionen

  • Projektvorschläge

  • einen vollständigen Leseverstehenskurs

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2 Wie wurde es ‘hergestellt’ ?

Eine Lehrwerkentwicklung umfasst viele Etappen, wenn sie ernst genommen wird:

  1. Mitschreiben der Fragen, die die LernerInnen im Unterricht stellen

  2. Festhalten von Fehlern in allen Fertigkeitsbereichen

  3. Sprachvergleich/Rückübersetzung ins Spanische, um zu sehen, inwieweit die Fehler ein logisches Ergebnis ausgangssprachlicher Strukturen sind

  4. Entwicklung und Suche von Texten und Übungen, in denen richtige und ‘naheliegende’ falsche Formen gegeneinander abgesetzt werden

  5. Strukturierung der Einführung der Grammatik (mit Hilfe u.a. der Veröffentlichungen des Herder-Institutes Leipzig und des Projekts ‘Lehrschwierigkeiten im Fach DaF’ der Zentralverwaltung des Goethe-Instituts)

  6. Klärung der zu berücksichtigenden Sprechintentionen (mit Hilfe u.a. der ‘Kontaktschwelle DaF’ und des ‘Zertifikats DaF’)

  7. Entwicklung abwechslungsreicher Übungsformen

  8. Kontrolle im Vergleich mit gängigen Lehrwerkskriterienkatalogen und den Ansprüchen anderer Lehrerhandbücher

  9. Durchsicht durch erfahrene KollegInnen

  10. Erprobung durch verschiedene LehrerInnen, auch solche, die nicht als AutorInnen beteiligt sind, und Auswertungsgespräche

  11. Berücksichtigung der Kritik der LernerInnen, die auf Fragebögen und mündlich geäussert wird

  12. Umarbeitung nach jeder Auflage und Probeauflage.

Hinzu kam, dass MlD mit den damals weit verbreiteten Lehrwerken ‘Deutsch aktiv’ und ‘Themen’ vereinbar sein sollte, um den LernerInnen den Übergang zu erleichtern. Dazu wurde die Progression abgestimmt bzw. Brückentexte eingebaut, ein meines Wissens bei der Lehrbuchproduktion einmaliger Ansatz.

Angesichts der Spannung zwischen grammatischer und kommunikativer Progression wurde versucht, zweigleisig zu fahren und ausserdem lernpsychologische Erkenntnisse zu berücksichtigen.

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3 Wie geschah das praktisch ?

Die AutorInnengruppe, koordiniert vom Verfasser, stammte aus dem Umfeld des Goethe-Instituts Madrid und von Tandem und in der 4. Auflage füllte die Nennung der AutorInnen, ZeichnerInnen, ErproberInnen und sonstigen HelferInnen eine ganze Seite. Auch die Finanzierung der Veröffentlichung wurde von einem Teil der AutorInnen getragen. Obwohl einer der grossen DaF-Verlage die Übernahme ernsthaft prüfte, bewahrheitete sich die Analyse von Antje-Katrin Menk in ‘Materialien DaF’, 9, S. 58: "Über die Anwendung kontrastiver und fehleranalytischer Erkenntnisse im Fremdsprachenunterricht wird nicht aufgrund lerntheoretischer Überlegungen entschieden. Wenn kontrastiv orientierte Lehrbücher im Bereich DaF nicht veröffentlicht werden, so hängt das vor allem mit dem Interesse der Verlage an möglichst grossen (nicht auch noch nach Muttersprachen unterteilten) Zielgruppen zusammen."

Dennoch konnten sich die Auflageziffern durchaus sehen lassen:

1. Auflage 1982: 500

2. Auflage 1983: 1000

3. Auflage 1984: 2000

4. Auflage 1987: 5000

Es erschienen Rezensionen in ‘Info DaF’ und ‘Spracharbeit’ sowie mehrere Diplomarbeiten darüber. Dabei hatte ‘Maite’ immer den Ruf eines ‘alternativen’ Lehrwerkes, was nicht nur mit Maites kritischen Sprüchen, sondern auch der Text- und Themenauswahl zusammenhing, die in der Lehrhilfe folgendermassen begründet wurde: "Was hat die politik in einem lehrbuch zu suchen ? Nichts. Da sind wir uns vollkommen einig. Das dumme ist nur, sie steckt schon in allen gängigen büchern drin. Oder was ist es, wenn bestimmte firmen erwähnt werden, die hauptfiguren handelsbeziehungen in militärdiktaturen unterhalten, bestimmte teile des ‘sozialstaates’ ausführlich beschrieben werden, andere probleme in keinem lehrbuch zu finden sind oder sprachregelungen übernommen werden ? Um nicht falsch verstanden zu werden: es ist nicht aufgabe eines lehrbuchs, irgendjemanden von irgendetwas zu überzeugen. ... Es ist in der grundstufe auch nicht aufgabe eines buches, zu politischen diskussionen im unterricht anzuregen . ... Dennoch hat es einen sinn, dass hier auch demonstrantInnen, polizisten, hausbesetzerInnen und soldaten auftreten: sie gehören zum deutschen alltag und mit ihrer erwähnung soll bewusst ein kontrast zu den werken geschaffen werden, die in scheinaseptischer form politische inhalte ‘unterjubeln’. Wenn wir damit erreichen, dass sich in den lernerInnen das interesse entwickelt, soweit deutsch zu lernen, dass sie sich selbst aus erster hand aus verschiedenen quellen unterrichten können, wäre das ein erfolg."

Vor diesem Hintergrund kam es sogar zu einem Beschwerdebrief an den Präsidenten des Goethe-Instituts, allerdings war der Verfasser weder Lehrer noch Lerner und es tat der Verbreitung keinen Abbruch.

Den LernerInnen dagegen gefiel der Stil überwiegend, wie folgendes Zitat veranschaulicht: "’Maite’ gefällt mir, weil es ein verschiedenes Buch ist. Ich habe andere Sprachen gelernt und die Bücher sind immer das selbe, ein bisschen Grammatik, ein bisschen Text und so weiter. ... ‘Maite’ war für mich eine wunderbare Überraschung. Die Themen waren Umsturz, Maite sieht wie ein 68er Mädchen aus. ... Jemand meint, dass diese Ideale hinfällig sind, aber ich denke, dass es gut ist, sich manchmal an sie zu erinnern."

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4 Folgerungen für heute

Das Stichwort ‘Regionalisierung’ hat inzwischen weite Verbreitung gefunden, und die grossen Verlage sind dazu übergegangen, ergänzend zu den für die ganze Welt gleich erstellten Werken Beihefte mit Vokabel- und Grammatikerklärungen und manchmal Arbeitsanweisungen in der Sprache der LernerInnen anzubieten. Lediglich bei Selbstlernwerken werden auch die Lernhinweise in der Ausgangssprache gegeben, das Programm bleibt aber, von kontrastiven Überlegungen unbeeinflusst, für alle gleich.

Das heisst, "zuerst fällt das Kind in den Brunnen (indem durch eine Standardpräsentation falsche Gleichsetzungen mit der Muttersprache und Interferenzen entstehen) und dann soll es (durch das zielgruppenspezifische Beiheft) wieder herausgeholt werden".

Demgegenüber sind von vorneherein für bestimmte Ausgangssprachen verfasste Lehrwerke nach wie vor im Vorteil, und das Projekt ‘Maite lernt Deutsch’ hat gezeigt, dass LehrerInnen fähig sind, sie ohne Verlage herauszubringen. Dabei wird mangels Professionalität durch Zick-Zack-Wege bei der Produktion der Aufwand höher sein, und mangels ausgebauter Vertriebsstrukturen der Absatz geringer. Die niedrigere Auflage wird sich in einer bescheideneren Ausstattung (kein Vierfarbdruck) niederschlagen.

Ausserdem muss damit gerechnet werden, dass "wie wild" kopiert wird, was alle Absatzkalkulationen über den Haufen werfen kann. Es ist also ratsam, Angebote zu entwickeln, die das berücksichtigen und leicht aktualisierbar sind, z.B. LehrerInnenexemplare mit Kopierrecht für die ganze Klasse, oder ein Kern-Lehrbuch in hoher Auflage im Vierfarbdruck und eine Begleit-CD mit Landeskundematerial, das regelmässig erneuert wird. In jedem Fall sollte von vorneherein die Selbstlernfassung mitgeplant werden.

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5 Wie sähe ‘Maite’ jetzt aus ?

Seit ‘MlD’ 1982 das Licht der Welt/Klassenzimmer erblickte, hat sich viel verändert.

  • Die früher strikte Trennung zwischen Lehrwerk und Selbst-Lernwerk ist nicht mehr so klar, auch von einem Buch für den Klassenunterricht wird heutzutage erwartet, dass die LernerInnen sich darin allein zurechtfinden, Versäumtes nachholen können, usw.

  • Begegnung und Austausch mit deutschsprachigen MuttersprachlerInnen wird heute nicht nur als angenehme Ergänzung, sondern als unverzichtbares Ziel des Unterrichts betrachtet.

  • Die neuen Technologien können dabei helfen. CDs erlauben, Mengen von Texten und Sprachaufnahmen billiger zu verbreiten als per Buch und Kassette, und Internet bietet die Gelegenheit zu direkten Kontakten, ohne reisen zu müssen.

Angesichts dieser Situation geht es jetzt mehr um einen ‘Wegweiser durch die Sprache und die Lernumwelt’ als um ein ‘Lehr-Buch’. Eine solche Palette wäre geeignet für die Arbeit in der Klasse / Gruppe und allein, und schlösse Kontakte mit ZielsprachlerInnen von Angesicht zu Angesicht und auf Entfernung ein.

Über die schon vorhandenen Bestandteile hinaus gäbe es:

  • CD (mit Aussprachetraining, aktuellen landeskundlichen Texten, Selbsteinschätzungstests und Material zum Selbststudium)

  • Internetverweise (für Landeskunderecherchen, auf Texte und Spiele, die als Dateien heruntergeladen werden können)

Damit würden reale Projekte, Foren und Chats zum untrennbaren Bestandteil und Höhepunkt des Curriculum, sei es als Tandem-Sprachaustausch (www.tandemcity.info) mit ZielsprachlerInnen in der eigenen Stadt, sei es als eTandem per Internet, sei es als Kontakt mit anderen DeutschlernerInnen und ‘Deutsch als Brückensprache’ (www.tandemcity.info/deutsch/de15_deutsch-im-austausch.htm).

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6 Was bleibt ?

Einige Teile waren von vorneherein lehrbuchunabhängig geplant:

Die Liste der Miniprojekte (www.tandemcity.info/deutsch/de14_miniprojekte.htm)  ist zwar nach der Maite-Progression geordnet, aber mit jedem Lehrwerk einsetzbar.

Ausserdem steht das Gesamtpaket für Schulen zur Verfügung, die es, um aktuelle Texte ergänzt, ‘wiederverwerten’ wollen (www.tandemcity.info/deutsch/de14_selbstlernpaket.htm). Der Sprachvergleich in der Lehrhilfe und viele Dialoge sind nach wie vor aktuell.

Und schliesslich bleibt aktuell, was Maite und die Maus am Ende des zweiten Lehrbuchs sagen:

Maite: "Lernt weiter, und lernt nette Leute kennen !"

Mausi: "Si no nos entendemos los de abajo, qué va a ser del mundo ..."

 

Jürgen Wolff*, Tandem Fundazioa

 

Anmerkung:

* Den MitautorInnen Annegret Pietsch, Madrid und Mario Saalbach, Vitoria/Gasteiz danke ich für ihre Kommentare zu diesem Artikel. Er erschien im Katalog zur Buchwoche "DaF in Spanien", 11.-19. November 2002.

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